Alprostadil: Prostaglandin E1 bei erektiler Dysfunktion und PAVK

Alprostadil ist der synthetische Name für Prostaglandin E1 (PGE1), ein natürlich vorkommendes Gewebshormon mit vasodilatierenden und thrombozytenhemmenden Eigenschaften. Als Arzneistoff wird Alprostadil in zwei klinisch sehr unterschiedlichen Indikationen eingesetzt: zur lokalen Behandlung der erektilen Dysfunktion beim Mann sowie zur intravenösen Therapie bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK). In beiden Anwendungsgebieten nutzt man die Fähigkeit des Wirkstoffs, glatte Muskelzellen zu relaxieren und die Durchblutung in betroffenen Gewebebereichen zu verbessern.

Die Geschichte von Alprostadil reicht bis in die 1970er Jahre zurück, als Prostaglandine erstmals als körpereigene Botenstoffe mit vielfältigen vasoaktiven Wirkungen charakterisiert wurden. Für Männer mit erektiler Dysfunktion, bei denen orale Phosphodiesterase-5-Hemmer nicht ansprechen oder kontraindiziert sind, stellt Alprostadil eine etablierte Therapieoption dar. Die Applikation erfolgt je nach Zulassung als Schwellkörperinjektion (SKAT), als intraurethraler Stab (MUSE) oder als Creme.

Wirkmechanismus

Alprostadil bindet an Prostaglandin-EP-Rezeptoren (vorwiegend EP2 und EP3) auf glatten Muskelzellen. Die Rezeptoraktivierung führt über Adenylylcyclase zur Erhöhung des intrazellulären cyclischen Adenosinmonophosphats (cAMP), was eine Relaxation der glatten Muskulatur bewirkt. Im Schwellkörper führt dies zur Erschlaffung der trabekulären glatten Muskulatur, zum Einströmen von arteriellem Blut und zur Ausbildung einer Erektion. Gleichzeitig hemmt Alprostadil die Thromboxan-A2-vermittelte Plättchenaggregation und wirkt vasodilatierend auf arterielle Gefäße. Bei der PAVK-Behandlung verbessert diese arterielle Vasodilatation die Perfusion in ischämischen Extremitäten und kann trotz fixierter Gefäßstenosen eine Verbesserung der Mikrozirkulation bewirken, da Kollateralkreisläufe geöffnet und die Fließeigenschaften des Blutes verbessert werden. Zusätzlich hemmt PGE1 die Freisetzung vasokonstriktiver Substanzen aus aktivierten Thrombozyten.

Anwendungsgebiete

Alprostadil ist für folgende Indikationen zugelassen: Erstens die erektile Dysfunktion beim erwachsenen Mann, wenn vaskuläre, psychogene oder gemischt-ätiologische Ursachen vorliegen und orale Therapien versagt haben oder kontraindiziert sind. Hierzu zählen Schwellkörperautoinjektionstherapie (SKAT) mit direkter intrakorporaler Injektion sowie intaurethrale Applikation als Pellet oder Creme. Zweitens die schwere periphere arterielle Verschlusskrankheit im Stadium Fontaine III und IV (Ruheschmerz, Gewebsnekrosen), wenn revaskularisierende Maßnahmen nicht möglich oder gescheitert sind. Drittens der offene Ductus arteriosus bei Neugeborenen mit ductusabhängigen Herzfehlern: Hier wird Alprostadil intravenös eingesetzt, um den Ductus bis zur chirurgischen Korrektur offen zu halten und die Oxygenierung oder Systemperfusion aufrechtzuerhalten.

Dosierung und Einnahme

Bei erektiler Dysfunktion (SKAT): Die individuelle Dosis wird ärztlich titriert, typischerweise 2,5 bis 40 Mikrogramm pro Injektion, direkt in den Schwellkörper. Die Injektion sollte maximal dreimal pro Woche und nicht öfter als einmal täglich erfolgen. Der Patient muss in der korrekten Injektionstechnik geschult werden. Intraurethraler Stab (MUSE): 125 bis 1000 Mikrogramm, nach der Miktion in die Harnröhre eingeführt. Bei PAVK: Intravenöse Infusion, üblicherweise 20 bis 60 Mikrogramm pro Tag in NaCl über 2 Stunden, Therapiedauer 2 bis 4 Wochen je nach Ansprechen. Bei Neugeborenen mit ductusabhängigen Herzfehlern: 0,05 bis 0,1 Mikrogramm/kg/Minute als kontinuierliche IV-Infusion, unter intensivmedizinischer Überwachung.

Nebenwirkungen

Bei der SKAT-Anwendung sind lokale Schmerzen an der Injektionsstelle die häufigste Nebenwirkung; ein Brennen nach Injektion ist bei bis zu einem Drittel der Patienten beschrieben. Verlängerte Erektion (Priapismus) ist eine seltene, aber ernste Komplikation, die bei anhaltender Erektion über 4 Stunden sofort ärztlich behandelt werden muss, um irreversible Schäden am Schwellkörper zu verhindern. Fibrotische Veränderungen im Schwellkörper können sich bei wiederholter Anwendung entwickeln. Bei der PAVK-Therapie: Blutdruckabfall, Flush, Kopfschmerzen und Übelkeit durch die systemische Vasodilatation. Selten Ödeme in den behandelten Extremitäten. Bei intaurethraler Anwendung: Harnröhrenschmerzen, Hypotonie, Schwindel. Beim Neugeborenen: Apnoen (häufig, Atemunterstützung bereithalten), Hypotonie, Fieber, Flush und kortikale Proliferation bei Langzeitgabe.

Wechselwirkungen

Blutdrucksenkende Medikamente (Antihypertensiva, Nitrate) können die hypotensive Wirkung von Alprostadil verstärken. Bei der SKAT: Andere vasoaktive Substanzen (Papaverin, Phentolamin) werden teils in Kombinationspräparaten eingesetzt, erhöhen aber das Priapismus-Risiko und sind nur unter ärztlicher Kontrolle zu kombinieren. PDE5-Hemmer (Sildenafil, Tadalafil) sollten nicht zeitgleich mit Alprostadil-SKAT angewendet werden. Antikoagulanzien erhöhen das Hämatom-Risiko an der Injektionsstelle. Bei der intravenösen PAVK-Therapie können andere vasoaktiv wirkende Arzneimittel die Kreislaufwirkung additiv verstärken.

Besondere Hinweise

Alprostadil ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und darf nur nach ärztlicher Verordnung und Einweisung angewendet werden. Bei der SKAT-Therapie muss der Patient über das Priapismus-Risiko aufgeklärt werden und wissen, bei anhaltender Erektion ohne sexuelle Stimulation nach 4 Stunden sofort eine Notaufnahme aufzusuchen. Alprostadil darf nicht bei anatomischen Deformierungen des Penis (Peyronie-Krankheit aktive Phase), Gerinnungsstörungen oder gleichzeitiger Behandlung mit Antikoagulanzien (relative Kontraindikation) angewendet werden. Bei PAVK ist Alprostadil keine kausale Therapie; Revaskularisationsmaßnahmen haben Vorrang. Die Lagerung von Alprostadil erfordert Kühlung (2 bis 8 Grad Celsius); Ampullen sind unmittelbar vor Gebrauch herzustellen.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen SKAT und MUSE?

SKAT (Schwellkörperautoinjektionstherapie) bezeichnet die direkte Injektion von Alprostadil mit einer feinen Nadel in den Schwellkörper des Penis. MUSE (Medicated Urethral System for Erection) ist ein kleines Pellet, das nach der Miktion in die Harnröhre eingeführt wird. Die Resorption erfolgt dann über die Urethralschleimhaut in den Schwellkörper. SKAT ist wirksamer (70 bis 80 Prozent Ansprechrate), MUSE ist weniger invasiv, aber auch weniger zuverlässig (40 bis 65 Prozent). Beide Methoden erfordern ärztliche Einweisung und Titration.

Kann Alprostadil bei Diabetes eingesetzt werden?

Ja. Erektile Dysfunktion ist bei Männern mit Diabetes mellitus deutlich häufiger als in der Normalbevölkerung und hat oft eine vaskuläre und neurogene Grundlage, die auf orale PDE5-Hemmer schlechter anspricht. Alprostadil-SKAT ist in dieser Patientengruppe eine wichtige Therapieoption und zeigt in Studien vergleichbare Ansprechraten wie bei Nicht-Diabetikern. Der Arzt muss bei der Dosisfindung sorgfältig vorgehen, da Sensibilitätsstörungen die Schmerzwahrnehmung vermindern und die korrekte Injektionstechnik mit einem eingeschränkten Tastsinn erschwert sein kann.

Was ist bei einer anhaltenden Erektion zu tun?

Eine Erektion, die ohne sexuelle Stimulation länger als 4 Stunden anhält (Priapismus), ist ein medizinischer Notfall. Betroffene müssen sofort eine Notaufnahme aufsuchen. Die Behandlung erfolgt durch Aspiration von Blut aus dem Schwellkörper und/oder Injektion eines Alpha-Sympathomimetikums (zum Beispiel Phenylephrin). Unbehandelt kann ein Priapismus durch anhaltende Ischämie des Schwellkörpergewebes zu dauerhafter erektiler Dysfunktion oder Fibrose führen. Patienten unter SKAT-Therapie werden bei Therapiebeginn explizit über dieses Risiko aufgeklärt.

Quellen

  • EAU-Leitlinien: Erektile Dysfunktion 2023
  • Fachinformation Caverject (Alprostadil), aktueller Stand
  • ESC/ESVS-Leitlinien: Periphere arterielle Verschlusskrankheit 2023