Cisplatin: Platinbasiertes Zytostatikum bei soliden Tumoren

Cisplatin (cis-Diaminedichloroplatinum II) ist ein anorganisches Platinkomplexsalz und zählt zu den wirksamsten und meistgenutzten Zytostatika in der Onkologie. Seit der Einführung in den 1970er Jahren hat es die Behandlung mehrerer solider Tumoren grundlegend verändert, allen voran beim Hodentumor: Hier ermöglichen Kombinationschemotherapien auf Cisplatin-Basis selbst im metastasierten Stadium hohe Heilungsraten. Als Alkylierungsmittel-ähnliches Agens hemmt Cisplatin über DNA-Quervernetzung die Replikation von Tumorzellen und löst Apoptose aus.

Trotz seiner ausgeprägten Toxizität, insbesondere der Nephrotoxizität und Ototoxizität, bleibt Cisplatin ein unverzichtbarer Baustein der modernen Chemotherapie. Verbesserte supportive Maßnahmen – intensive Hyperhydratation sowie eine antiemetische Prophylaxe mit Setron-Antiemetika und Aprepitant – haben die klinische Handhabung der Toxizität deutlich erleichtert. Wenn die Nephrotoxizität die Weiterführung eines Regimes limitiert, kann Carboplatin als Alternativsubstanz dienen, sofern es vergleichbare Wirksamkeit bei guter Verträglichkeit bietet.

Wirkmechanismus

Cisplatin ist ein quadratisch-planarer Platinkomplex, der nach zellulärer Aufnahme durch passive Diffusion und aktive Transporter (CTR1-Kupfertransporter) intrazellulär aquatisiert wird: Die Chloridoliganden werden gegen Wassermoleküle ausgetauscht, wodurch hoch reaktive elektrophile Platin-Aquo-Komplexe entstehen. Diese reagieren bevorzugt mit N7-Stickstoff der Guaninbasen in der DNA und bilden mono- und bifunktionelle Addukte. Die häufigsten DNA-Läsionen sind intrastrand-Vernetzungen zwischen zwei benachbarten Guaninen (GG-Intrastrang-Addukt, ca. 65 Prozent), gefolgt von AG-Intrastrang-Addukten und Interstrang-Quervernetzungen. Diese Addukte hemmen die Replikation und Transkription der DNA und aktivieren DNA-Schadensantwortmechanismen (p53-Signalweg, Nukleotid-Exzisions-Reparatur NER). Wenn die Reparaturkapazität überwältigt wird, lösen die nicht reparierten Addukte Apoptose aus. Zellen mit funktionsfähiger NER sind relativ resistenter gegen Cisplatin, was ein Mechanismus der erworbenen Resistenz ist.

Anwendungsgebiete

Cisplatin ist Bestandteil zahlreicher Kombinationschemotherapie-Protokolle. Zu den wichtigsten Indikationen zählen: Hodentumor (BEP-Protokoll: Bleomycin, Etoposid, Cisplatin), mit dem selbst bei metastasierten Keimzelltumoren Heilungsraten über 80 Prozent erreicht werden. Nichtkleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC): Platin-Doublet-Therapien (Cisplatin + Gemcitabin, Pemetrexed oder Paclitaxel) in fortgeschrittenen Stadien. Kleinzelliges Lungenkarzinom (SCLC): Cisplatin/Etoposid als Standardprotokoll. Blasenkarzinom: MVAC (Methotrexat, Vinblastin, Doxorubicin, Cisplatin) oder Gemcitabin/Cisplatin. Ovarialkarzinom: Carboplatin ist häufiger, Cisplatin in bestimmten Kontexten. Kopf-Hals-Tumoren: Cisplatin als Radiosensitizer bei der Radiochemotherapie. Zervixkarzinom und Magenkarzinom: Cisplatin-basierte Protokolle in fortgeschrittenen Stadien.

Dosierung und Einnahme

Cisplatin wird ausschließlich intravenös verabreicht, nie oral oder intramuskulär. Typische Dosierungen: 50 bis 100 mg/m² Körperoberfläche alle 3 bis 4 Wochen als Monotherapie oder in Kombinationsprotokollen; bei wöchentlicher Gabe als Radiosensitizer: 40 mg/m² wöchentlich. Obligatorische Prähygratation: 1 bis 2 Liter NaCl 0,9 % über 1 bis 2 Stunden vor Cisplatin, gefolgt von 2 bis 4 Litern NaCl mit Kalium und Magnesium nach der Infusion. Mannitol wird häufig zur Förderung der Diurese gegeben. Antiemetische Prophylaxe: obligatorisch mit einem 5-HT3-Antagonisten (Ondansetron, Granisetron), Aprepitant (NK1-Antagonist) und Dexamethason vor Cisplatin-Gabe. Niereninsuffizienz (GFR unter 60 ml/min): relative bis absolute Kontraindikation; Dosisreduktion oder Wechsel auf Carboplatin.

Nebenwirkungen

Cisplatin gehört zu den emetogensten Zytostatika überhaupt; ohne Antiemese erleiden fast alle Patienten schwere Übelkeit und Erbrechen, das akut (0 bis 24 Stunden) und verzögert (24 bis 120 Stunden) auftreten kann. Nephrotoxizität ist die dosislimitierende Toxizität: Cisplatin akkumuliert in den proximalen Tubuluszellen der Niere und verursacht tubuläre Nekrosen, die sich als Kreatininanstieg, Elektrolytverluste (Hypomagnesiämie, Hypokaliämie, Hyponatriämie) und im schlimmsten Fall als irreversibles akutes Nierenversagen manifestieren. Ototoxizität mit hochfrequentem Hörverlust (irreversibel) und Tinnitus betrifft bis zu 30 Prozent der Patienten; Audiometrie ist bei längerer Therapie zu empfehlen. Periphere Neuropathie (Kribbeln, Taubheit in Händen und Füßen) entwickelt sich kumulativ und kann nach Abschluss der Therapie noch zunehmen (Coasting-Phänomen). Myelosuppression ist moderat. Alopezie ist selten. Elektrolytstörungen erfordern regelmäßige Laborkontrollen.

Wechselwirkungen

Aminoglykosid-Antibiotika (Gentamicin, Tobramycin) kombiniert mit Cisplatin addieren die Nephrotoxizität und Ototoxizität erheblich; die Kombination sollte wenn möglich vermieden werden. Schleifendiuretika (Furosemid) erhöhen ebenfalls das Ototoxizitätsrisiko; wenn zur Forced Diuresis eingesetzt, sind sorgfältige Elektrolytkontrolle und Audiometrie notwendig. Ifosfamid kombiniert mit Cisplatin erhöht das Risiko tubulotoxischer Schäden. Nephrotoxische Arzneimittel allgemein (Vancomycin, Amphotericin B, NSAR) sollten während Cisplatin-Zyklen vermieden werden. Bleomycin im BEP-Protokoll: Cisplatin beeinträchtigt die renale Bleomycin-Clearance; bei Nierenfunktionsverschlechterung droht Bleomycin-Akkumulation mit pulmonaler Toxizität.

Besondere Hinweise

Cisplatin darf ausschließlich unter onkologischer Fachaufsicht in Einrichtungen mit entsprechender Erfahrung und Infrastruktur angewendet werden. Vor jedem Zyklus ist eine Kontrolle der Nierenfunktion (Kreatinin, GFR), des Elektrolytstatus und des Blutbilds obligatorisch. Patienten müssen ausreichend hydriert werden und sollten angewiesen werden, nach der Chemotherapie viel zu trinken und auf Zeichen einer Dehydratation (dunkler Urin, Schwindel) zu achten. Bei Zeichen einer Hörverschlechterung oder Tinnitus ist umgehend der behandelnde Arzt zu informieren. Cisplatin ist teratogen und mutagen; Frauen und Männer im zeugungsfähigen Alter müssen während und für 6 bis 12 Monate nach der Therapie eine sichere Verhütungsmethode anwenden. Spermakryokonservierung vor Therapiebeginn ist bei Männern mit Kinderwunsch zu empfehlen.

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Häufig gestellte Fragen

Warum ist Cisplatin so wirksam beim Hodentumor?

Hodentumoren sind Keimzelltumoren, die sich durch eine außergewöhnliche Cisplatin-Sensitivität auszeichnen. Dafür sind mehrere molekulare Eigenschaften verantwortlich: eine defiziente Nukleotid-Exzisions-Reparatur (NER), die Cisplatin-DNA-Addukte nicht effizient beheben kann; eine niedrige Expression anti-apoptotischer Proteine; eine hohe Expression pro-apoptotischer Faktoren; und eine erhaltene p53-Funktion, die nach DNA-Schaden die Apoptose einleitet. Diese Kombination erklärt, warum sich selbst metastatische Keimzelltumoren mit BEP-Chemotherapie in über 80 Prozent der Fälle kurativ behandeln lassen.

Warum ist Hyperhydratation bei Cisplatin notwendig?

Cisplatin wird renal eliminiert und reichert sich in hoher Konzentration in den proximalen Tubuluszellen der Niere an. Die Nephrotoxizität entsteht durch direkte Zellschädigung der Tubuluszellen sowie durch ischämische Mechanismen. Eine ausreichende Hyperhydratation verdünnt die Cisplatin-Konzentration im Tubuluslumen, beschleunigt die renale Clearance und verkürzt die Kontaktzeit der toxischen Substanz mit dem Tubulusepithel. Zusätzlich verhindert die forcierte Diurese, dass Cisplatin-Nephrotoxine im Sammelrohr ausfallen. Ohne Hyperhydratation ist eine schwere Nephrotoxizität bis zum Nierenversagen möglich.

Was ist der Unterschied zwischen Cisplatin und Carboplatin?

Carboplatin ist ein Second-Generation-Platinanalogon, das dieselbe DNA-Quervernetzung wie Cisplatin erzielt, aber mit deutlich geringerer Nephrotoxizität, Ototoxizität und emetogenem Potenzial. Dafür wirkt Carboplatin stärker myelosuppressiv (Thrombozytopenie). Dosiert wird es nach AUC (Calvert-Formel) statt nach Körperoberfläche. Bei vielen Tumoren (Ovarialkarzinom, NSCLC) ist Carboplatin ähnlich wirksam wie Cisplatin und wird bevorzugt; beim Hodentumor, Blasenkarzinom und als Radiosensitizer bleibt Cisplatin die Standardsubstanz, da hier eine höhere Wirksamkeit belegt ist.

Quellen

  • Einhorn LH: Curing metastatic testicular cancer. PNAS 2002
  • ESMO-Leitlinien: Hodentumor 2022
  • Fachinformation Cisplatin Accord, aktueller Stand