Etoposid: Topoisomerase 2 Hemmer in der Chemotherapie maligner Erkrankungen

Etoposid ist ein semisynthetisches Podophyllotoxin Derivat aus der Pflanze Podophyllum peltatum. Es wurde 1983 zugelassen und ist ein zentrales Zytostatikum in vielen onkologischen Kombinationsschemata. Bekannte Handelsnamen sind Vepesid, Etopophos (intravenös) und Generika sowohl als Kapseln als auch als Konzentrat zur Infusion.

Etoposid wirkt als Topoisomerase 2 Hemmer und hat seinen festen Platz in der Therapie kleinzelliger Lungenkarzinome, Hodenkarzinome, Lymphome und in der Hochdosis Chemotherapie vor Stammzelltransplantation. Trotz erheblicher Nebenwirkungen, vor allem Knochenmarksuppression und sekundäre Leukämie Risiko, bleibt Etoposid ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Onkologie.

Wirkmechanismus

Etoposid stabilisiert den Komplex aus DNA und Topoisomerase 2 Enzym in einem Zustand, in dem die DNA Doppelhelix doppelsträngig durchtrennt ist. Topoisomerase 2 ist normalerweise ein Enzym, das die DNA während Replikation und Transkription kurzzeitig durchtrennt, entwirrt und wieder verknüpft. Die Stabilisierung des spaltbaren Komplexes verhindert die Wiederverknüpfung der DNA, sodass dauerhafte Doppelstrangbrüche entstehen.

Diese DNA Doppelstrangbrüche aktivieren in der Tumorzelle die DNA Schadensantwort und führen zur Apoptose, vor allem in der späten S Phase und G2 Phase des Zellzyklus. Etoposid wirkt daher zellzyklusspezifisch und am stärksten in proliferierenden Geweben. Daneben hat es eine direkte Wirkung auf die Tubulin Polymerisation, die zur antimitotischen Wirkung beiträgt.

Pharmakokinetisch ist die orale Bioverfügbarkeit mit etwa 50 Prozent gut, allerdings dosisabhängig variabel. Halbwertszeit etwa 6 bis 8 Stunden, Eliminierung über Niere und Galle. Bei Niereninsuffizienz Dosisanpassung erforderlich.

Anwendungsgebiete

  • Kleinzelliges Lungenkarzinom (SCLC): in Kombination mit Cisplatin oder Carboplatin (PE/CE Schema), oft mit Atezolizumab oder Durvalumab in der Erstlinie
  • Nicht kleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC): in einigen Schemata
  • Hodenkarzinom: als BEP Schema (Bleomycin Etoposid Cisplatin), Standard mit hoher Heilungsrate
  • Non Hodgkin Lymphome und Hodgkin Lymphom: als CHOEP, BEACOPP, EPOCH Schema
  • Akute lymphatische Leukämie und akute myeloische Leukämie: in einigen Schemata
  • Sarkome (Ewing Sarkom, Rhabdomyosarkom): in pädiatrischer Onkologie
  • Hochdosistherapie vor Stammzelltransplantation
  • Hämophagozytäre Lymphohistiozytose (HLH) Notfalltherapie

Dosierung und Anwendung

Standard intravenös: 100 bis 120 mg/m² Körperoberfläche an Tag 1 bis 3 oder Tag 1 bis 5 eines 21 oder 28 Tage Zyklus, kombiniert mit anderen Zytostatika.

Oral: 100 bis 200 mg/m² täglich, etwa zweimal so hoch dosiert wie intravenös wegen geringerer Bioverfügbarkeit. Eingenommen mit oder ohne Nahrung.

Bei Niereninsuffizienz: bei Kreatinin Clearance unter 50 ml/min Dosisanpassung erforderlich. Infusionsdauer: mindestens 30 bis 60 Minuten, da rasche Infusion zu schwerer Hypotonie führen kann. Während Infusion Blutdruck Monitoring.

Nebenwirkungen

Sehr häufig: Knochenmarksuppression mit Neutropenie (Nadir nach 7 bis 14 Tagen), Anämie und Thrombozytopenie; Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Mukositis, Alopezie meist reversibel; Anstieg der Lebertransaminasen.

Häufig: Hypotonie bei rascher Infusion, allergische Reaktionen, Hyperpigmentierung der Haut, Geschmacksstörungen, Müdigkeit.

Schwerwiegend: sekundäre akute myeloische Leukämie (AML) mit Inzidenz etwa 1 bis 3 Prozent über die Lebenszeit, vor allem mit charakteristischen 11q23 MLL Genrearrangements; Sterilität bei Männern und Frauen; Lungentoxizität mit interstitieller Pneumonitis; periphere Neuropathie selten; allergische und anaphylaktoide Reaktionen vor allem mit Etoposidphosphat (Etopophos), das die Phosphatesterhydrolyse zur aktiven Form benötigt.

Wichtig: die sekundäre Leukämie tritt typischerweise 2 bis 5 Jahre nach Etoposid Therapie auf, mit kurzer Latenz und schlechter Prognose. Vor Therapie sollten Patientinnen und Patienten über dieses Risiko aufgeklärt werden.

Wechselwirkungen

  • Andere myelotoxische Wirkstoffe: additive Knochenmarksuppression
  • Cyclosporin: erhöhte Etoposid Spiegel und Toxizität
  • Warfarin: erhöhte INR möglich
  • Phenytoin und Phenobarbital: erniedrigte Etoposid Spiegel durch CYP3A4 Induktion
  • Lebendimpfstoffe: kontraindiziert während und mehrere Monate nach Therapie
  • Strahlentherapie: additive Knochenmarksuppression und Mukositis

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit: kontraindiziert, da teratogen, mutagen und kanzerogen. Sichere Kontrazeption während und mindestens 6 Monate nach Therapie für beide Geschlechter. Vor Therapiebeginn Familienplanungsgespräch und gegebenenfalls Kryokonservierung von Eizellen oder Spermien.

Vor jedem Zyklus: Blutbild mit Differenzialblutbild, Kreatinin, Lebertransaminasen. Therapieaussetzung bei Neutrophilen unter 1.500/Mikroliter oder Thrombozyten unter 100.000/Mikroliter.

Notfälle bei Allergie: bei anaphylaktoider Reaktion sofortige Therapieunterbrechung, Adrenalin, Antihistaminika, Glukokortikoide und intensive Überwachung. Etopophos kann bei Reaktion auf Etoposid alternativ versucht werden, aber auch hier besteht Reaktionsrisiko.

Nachsorge auf sekundäre Malignome: langfristige hämatologische Nachsorge mit jährlichem Blutbild über mindestens 10 Jahre wegen sekundärer AML Risiko.

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Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Topoisomerase 2 Hemmung?

Topoisomerase 2 ist ein Enzym, das die DNA während Zellteilung kurzzeitig durchtrennt, entwirrt und wieder verknüpft. Etoposid stabilisiert den Komplex in einem Zustand mit gebrochener DNA, sodass die Bruchstellen nicht repariert werden. Die Tumorzelle erkennt die schweren DNA Schäden und stirbt durch Apoptose. Da Tumorzellen aktiver teilen als die meisten gesunden Zellen, sind sie besonders anfällig.

Warum besteht Risiko für eine zweite Krebserkrankung?

Etoposid kann durch die DNA Schädigung in normalen Zellen, vor allem hämatopoetischen Stammzellen, Mutationen induzieren, die zu sekundärer akuter myeloischer Leukämie führen können. Das Risiko liegt bei etwa 1 bis 3 Prozent über die Lebenszeit, hängt von Gesamtdosis und Begleittherapien ab und tritt typischerweise 2 bis 5 Jahre nach Therapie auf. Eine langfristige hämatologische Nachsorge ist erforderlich.

Wie lange dauert es, bis sich mein Blutbild erholt?

Der Nadir der Neutrophilen tritt 7 bis 14 Tage nach Etoposid Gabe ein, die Erholung erfolgt meist innerhalb von 21 Tagen. In der neutropenen Phase besteht erhöhtes Infektionsrisiko, eine sorgfältige Hygiene und gegebenenfalls Antibiotikaprophylaxe mit GCSF (Filgrastim) Unterstützung sind Standard.

Beeinträchtigt Etoposid die Fruchtbarkeit?

Ja. Etoposid ist gonadotoxisch und kann zu vorübergehender oder permanenter Sterilität bei Männern und Frauen führen. Vor Therapiebeginn sollte bei Patientinnen und Patienten mit Kinderwunsch eine Kryokonservierung von Spermien oder Eizellen erwogen werden.

Quellen

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