Clioquinol: 8 Hydroxychinolin Derivat in der dermatologischen Therapie
Clioquinol ist ein halogeniertes 8 Hydroxychinolin Derivat mit antibakterieller, antimykotischer und antiprotozoärer Wirkung. Es wurde 1900 erstmals synthetisiert und über Jahrzehnte als breit eingesetztes Antiseptikum verwendet. In Deutschland ist Clioquinol heute fast ausschließlich in topischen Präparaten zur Behandlung von Pilz und Bakterieninfektionen der Haut verfügbar, oft in Kombination mit Glukokortikoiden (z. B. Linola Sept, Locacorten Vioform).
Die Geschichte von Clioquinol ist von einem dunklen Kapitel geprägt: in den 1950er und 1960er Jahren wurden in Japan tausende Fälle der subakuten Myelo Optikoneuropathie (SMON) durch oralen Clioquinol Konsum berichtet, eine schwere neurologische Erkrankung mit teils irreversiblen Schäden. Die orale Anwendung von Clioquinol wurde daraufhin weltweit eingestellt oder stark beschränkt. Die topische Anwendung am intakten Hautbereich gilt aufgrund minimaler systemischer Resorption als sicher.
Wirkmechanismus
Clioquinol komplexiert zweiwertige Metallionen wie Zink, Kupfer und Eisen, was die Funktion zahlreicher metallabhängiger bakterieller und pilzlicher Enzyme stört. Folge ist eine Hemmung des bakteriellen und mykotischen Wachstums. Die Wirkung ist breit und betrifft grampositive und gramnegative Bakterien sowie viele Pilze (Candida, Trichophyton, Microsporum).
Daneben hat Clioquinol direkte zytotoxische Effekte auf Bakterien und Pilze über Membranschädigung. In niedriger Konzentration wirkt es bakteriostatisch, in höherer bakterizid. Die antiseptische Wirkung ist besonders nützlich bei Mischinfektionen aus Bakterien und Pilzen, wie sie bei sekundär infizierten Ekzemen häufig vorkommen.
Pharmakokinetisch wird Clioquinol bei topischer Anwendung am intakten Haut nur in geringem Maß resorbiert (etwa 5 Prozent). Bei beschädigter Haut oder Schleimhaut steigt die Resorption deutlich, was bei langfristiger oder großflächiger Anwendung zu systemischer Aufnahme führen kann.
Anwendungsgebiete
- Pilzinfektionen der Haut: Tinea pedis (Fußpilz), Tinea corporis, Intertrigo
- Sekundär infizierte Ekzeme: in Kombination mit Glukokortikoiden
- Hautinfektionen mit gramnegativen Keimen: bei oberflächlichen Infektionen
- Otitis externa: in Tropfenform bei Pilz und Bakterieninfektionen des äußeren Gehörgangs
- Genitalinfektionen: historisch, heute selten
Dosierung und Anwendung
Topische Anwendung: Salbe oder Creme mit 1 bis 3 Prozent Clioquinol ein bis zweimal täglich auf die betroffene Hautstelle dünn auftragen. Anwendungsdauer 1 bis 2 Wochen, je nach Indikation und Verlauf.
Bei Otitis externa: Lösung mit 1 Prozent, 2 bis 3 Tropfen mehrmals täglich in den Gehörgang.
Wichtig: nicht auf großflächige offene Wunden, auf Schleimhäute oder bei nässenden Erkrankungen anwenden. Bei sekundär infizierten Ekzemen mit Glukokortikoid Kombination Anwendung möglichst kurz halten, um systemische Resorption zu reduzieren.
Nebenwirkungen
Häufig: lokale Reizung, Brennen, Pruritus, Hautrötung, gelb braune Verfärbung der behandelten Hautstelle und der Bekleidung (durch Komplexierung mit Eisen).
Gelegentlich: allergisches Kontaktekzem (vor allem bei langer Anwendung), Photosensibilität.
Selten, aber wichtig: bei Resorption über beschädigte Haut oder bei großflächiger und langfristiger Anwendung kann eine systemische Aufnahme klinisch relevante Effekte auslösen. Historisch wurde nach oraler Anwendung in hohen Dosen die subakute Myelo Optikoneuropathie (SMON) beobachtet, mit Sehnervenschädigung und Polyneuropathie.
Wichtig: Anwendung bei Säuglingen und Kleinkindern, in der Schwangerschaft und Stillzeit nur nach strenger Indikation. Bei Auftreten von Sehstörungen oder Parästhesien Anwendung sofort beenden und ärztliche Beratung suchen.
Wechselwirkungen
- Andere topische Antiseptika oder Antibiotika: kann theoretisch additive Wirkung oder Reizung verursachen
- Topische Glukokortikoide: Kombination möglich (Locacorten Vioform), aber Anwendungsdauer begrenzt
- Eisen Präparate (oral): bei systemischer Resorption potenzielle Komplexbildung
Besondere Hinweise
Schwangerschaft und Stillzeit: nur kurzfristig auf kleinen, intakten Hautstellen, da systemische Resorption möglich ist. In der Stillzeit Anwendung an Brust und Brustwarzen vermeiden.
Verfärbungen: Patientinnen und Patienten sollten wissen, dass Clioquinol Haut, Bekleidung, Bettwäsche und Schmuck gelb braun verfärben kann. Diese Verfärbungen sind nicht gesundheitsschädlich, aber unangenehm. Hellere Bekleidung möglichst meiden während der Therapie.
Engwinkelglaukom: bei Anwendung im Gesicht oder Augenumgebung Vorsicht, da systemische Resorption Augenentzündung oder andere Effekte auslösen kann.
Modernere Alternativen: bei Pilzinfektionen sind heute spezifische Antimykotika (Clotrimazol, Miconazol, Terbinafin) Mittel der Wahl. Clioquinol bleibt eine Option bei Mischinfektionen oder bei Versagen anderer Therapien.
Das könnte Sie auch interessieren
- Clotrimazol, modernes topisches Antimykotikum
- Miconazol, weiteres Imidazol Antimykotikum
- Terbinafin, Allylamin Antimykotikum
- Hydrocortison, mildes Glukokortikoid in Kombinationspräparaten
- Polihexanid, modernes Wundantiseptikum
Häufig gestellte Fragen
Was ist die SMON Geschichte?
SMON (subakute Myelo Optikoneuropathie) war eine schwere neurologische Erkrankung mit Sehnervenschädigung und Polyneuropathie, die in den 1950er und 1960er Jahren in Japan in fast 10.000 Fällen aufgetreten ist. Die Ursache war hochdosierter oraler Clioquinol Konsum bei Reisediarrhö. Die orale Anwendung wurde weltweit eingestellt. Die heutige topische Anwendung am intakten Hautbereich gilt als sicher, weil systemische Resorption minimal ist.
Warum verfärbt Clioquinol meine Haut und Bekleidung?
Clioquinol komplexiert zweiwertige Metallionen, vor allem Eisen, und bildet dabei gelb braune Komplexe. Diese Verfärbungen sind nicht gesundheitsschädlich, aber kosmetisch unerwünscht und können Bekleidung, Bettwäsche und Schmuck dauerhaft verfärben. Während der Therapie hellere Kleidung möglichst vermeiden.
Wann ist Clioquinol heute noch sinnvoll?
Bei sekundär infizierten Ekzemen mit Mischinfektion aus Bakterien und Pilzen, oder als Reserveoption bei Versagen anderer Therapien. Bei reinen Pilzinfektionen sind moderne Antimykotika wie Clotrimazol oder Terbinafin Mittel der ersten Wahl, weil sie spezifischer wirken und keine Verfärbungen verursachen.
Darf ich Clioquinol bei meinem Kind anwenden?
Bei Säuglingen und Kleinkindern nur nach ärztlicher Verordnung und auf kleine Hautstellen, da systemische Resorption höher ist und Kinder empfindlicher auf neurotoxische Effekte reagieren. Bei größeren Kindern und bei klar begrenzten Hautinfektionen ist die Anwendung möglich, sollte aber kurz gehalten werden.
Quellen
- Gelbe Liste, Clioquinol Wirkstoffprofil
- AWMF Leitlinie Tinea und sekundär infizierte Ekzeme
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- WHO Drug Information zu Clioquinol und SMON
Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss
Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Arzneimittel sollten stets nur nach ärztlicher Verordnung oder apothekenpflichtiger Abgabe eingenommen werden. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen; maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.