Diphenhydramin

Klassisches Antihistaminikum als Schlafmittel und bei Allergien

Diphenhydramin ist eines der ältesten Antihistaminika überhaupt, entwickelt in den 1940er Jahren. In Deutschland ist der Wirkstoff rezeptfrei in Kapseln und Tabletten als Schlafmittel (Vivinox, Betadorm, Hoggar Night, Emesan) verfügbar sowie in Kombinationspräparaten gegen Erkältung und Reisekrankheit. Die Substanz gehört zur Klasse der Ethanolamine und ist chemisch eng verwandt mit Clemastin.

Obwohl Diphenhydramin ohne Rezept erhältlich ist, handelt es sich pharmakologisch um einen Wirkstoff mit erheblichem Nebenwirkungsprofil. Die sedierende Komponente ist stark ausgeprägt, gleichzeitig bestehen anticholinerge, anti emetische und teilweise lokalanästhetische Wirkungen. In vielen Ländern ist Diphenhydramin auf der Liste potentiell inadäquater Medikamente für ältere Patienten, weil das Risiko für Verwirrtheit, Stürze und Delir hoch ist. Bei korrekter Indikationsstellung und zeitlich begrenzter Anwendung kann der Wirkstoff jedoch nützlich sein.

Wirkmechanismus

Diphenhydramin blockiert kompetitiv die H1 Histaminrezeptoren und verhindert die Wirkung von Histamin an Gefäßen, an glatter Muskulatur und an peripheren Nervenfasern. Die periphere Wirkung erklärt die antiallergische Komponente: Vasodilatation, Kapillarpermeabilität, Juckreiz und Quaddelbildung nehmen ab. Gleichzeitig passiert Diphenhydramin die Blut Hirn Schranke und blockiert zentrale H1 Rezeptoren. Dadurch entsteht die ausgeprägte Sedierung, die den Wirkstoff als Schlafmittel einsetzbar macht.

Zusätzlich wirkt Diphenhydramin als Antagonist an muskarinergen Acetylcholinrezeptoren, was Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt und Akkommodationsstörungen erklärt. Die antiemetische Komponente am Brechzentrum macht die Substanz bei Reisekrankheit und bei leichter Übelkeit nützlich. In höheren Dosen hat Diphenhydramin lokalanästhetische Eigenschaften und wirkt teilweise an Natriumkanälen.

Die orale Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 40 bis 60 Prozent aufgrund eines ausgeprägten First Pass Metabolismus. Die Halbwertszeit beträgt 4 bis 12 Stunden, bei älteren Patienten deutlich länger. Der Wirkeintritt tritt nach 15 bis 30 Minuten ein, die sedierende Wirkung hält 4 bis 8 Stunden an. Die Metabolisierung erfolgt hepatisch durch CYP2D6 und CYP3A4, die Ausscheidung der Metaboliten überwiegend renal.

Anwendungsgebiete

  • Kurzzeittherapie von Ein und Durchschlafstörungen bei Erwachsenen, meist rezeptfrei
  • Reisekrankheit (Kinetose) in Kombinationspräparaten oder als Monotherapie
  • Allergische Reaktionen wie Urtikaria, allergische Rhinitis, Pruritus
  • Übelkeit und Erbrechen bei Schwangerschaft, Chemotherapie oder postoperativ (meist in Kombination)
  • Extrapyramidalmotorische Nebenwirkungen unter Neuroleptika als Notfalltherapie (parenteral), in Deutschland weniger üblich
  • Allergische Reaktionen bei Kindern nach ärztlicher Verordnung

Dosierung und Einnahme

Schlafmittel bei Erwachsenen: 25 bis 50 mg zur Nacht, maximal 100 mg pro Tag. Einnahme 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafengehen mit einem Glas Wasser. Reisekrankheit: 25 bis 50 mg 30 Minuten vor Reiseantritt, bei längeren Fahrten Wiederholung alle 4 bis 6 Stunden, maximal 300 mg pro Tag. Allergische Reaktionen: 25 bis 50 mg alle 6 bis 8 Stunden.

Ältere Patienten über 65 Jahre: Anwendung nur in Ausnahmen, wenn Alternativen nicht verfügbar oder unverträglich sind. Niedrige Startdosis 12,5 bis 25 mg, engmaschiges Monitoring. Kinder ab 2 Jahren: gewichtsadaptiert 1 bis 2 mg pro kg, nur nach ärztlicher Rücksprache. Unter 2 Jahren ist die Anwendung nicht empfohlen wegen erhöhter Gefahr zentraler und kardialer Nebenwirkungen.

Niereninsuffizienz: keine formale Dosisanpassung bei leichter bis moderater Einschränkung, bei schwerer Einschränkung vorsichtige Dosierung. Leberinsuffizienz: bei moderater bis schwerer Einschränkung Dosisreduktion. Dauer: Selbstmedikation sollte 2 Wochen nicht überschreiten, bei anhaltenden Schlafstörungen ärztliche Abklärung einleiten.

Nebenwirkungen

Sehr häufig und häufig: Sedierung, Müdigkeit am Folgetag, Mundtrockenheit, Obstipation, verschwommenes Sehen, Miktionsbeschwerden, verminderte Reaktionsfähigkeit, Kopfschmerzen, orthostatische Hypotonie.

Gelegentlich bis selten: paradoxe Reaktionen (Unruhe, Schlaflosigkeit, Aggressivität, Halluzinationen) besonders bei Kindern und älteren Patienten, Tachykardie, Krampfanfälle bei Überdosierung, Hautausschlag, Photosensibilisierung, Blutbildveränderungen.

Wichtig: In Überdosierung kann Diphenhydramin schwere anticholinerge Symptome (zentrale Verwirrtheit, Halluzinationen, Krampfanfälle, Tachykardie, Hyperthermie) und kardiotoxische Effekte (QRS Verbreiterung, Torsade de Pointes) verursachen. Diphenhydramin gehört zu den häufig in Suizidversuchen verwendeten Substanzen, die Gefährlichkeit einer Überdosis wird oft unterschätzt. Bei Verdacht auf Überdosis sofortige notfallmedizinische Abklärung.

Priscus Liste: Diphenhydramin ist auf der deutschen Priscus Liste als potentiell inadäquat für ältere Patienten aufgeführt. Das Risiko für Delir, Stürze und kognitive Beeinträchtigung ist in dieser Altersgruppe erhöht. Ältere Schlafstörungspatienten sollten vorzugsweise andere Optionen erhalten.

Wechselwirkungen

  • Zentral dämpfende Substanzen (Alkohol, Benzodiazepine, Opioide, Barbiturate, andere Antihistaminika, Neuroleptika): stark verstärkte Sedierung und Atemdepression
  • Anticholinergika (Trizyklische Antidepressiva, Biperiden, Scopolamin, Tolterodin): additive anticholinerge Nebenwirkungen bis anticholinerges Delir
  • MAO Hemmer: verstärkte anticholinerge Effekte, Kombination meiden
  • QT verlängernde Substanzen (Amiodaron, Sotalol, Makrolide, Chinolone): additive QT Verlängerung und Torsade Risiko
  • Antihypertensiva: verstärkte Hypotonie
  • CYP2D6 Substrate und Inhibitoren (Metoprolol, Risperidon, Fluoxetin): Plasmaspiegel können schwanken

Besondere Hinweise

Kontraindikationen: bekannte Überempfindlichkeit, Engwinkelglaukom, Harnverhalt bei Prostatahypertrophie, Asthma bronchiale im akuten Anfall, Porphyrie, Epilepsie (relative Kontraindikation wegen Senkung der Krampfschwelle), Kinder unter 2 Jahren, drittes Trimenon der Schwangerschaft.

Schwangerschaft: im ersten und zweiten Trimenon nach Abwägung möglich, im dritten Trimenon zurückhaltend wegen Gefahr neonataler Entzugserscheinungen. In der Schwangerschaftsübelkeit wird Diphenhydramin gelegentlich eingesetzt. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch, Sedierung des Säuglings möglich, kann die Milchproduktion reduzieren, Stillen unter Therapie nicht empfohlen.

Fahrtüchtigkeit: am Tag nach der Einnahme häufig eingeschränkt, besonders in Kombination mit Alkohol. Mindestens 8 Stunden Abstand zum Führen von Fahrzeugen oder zum Bedienen von Maschinen einhalten. Bei älteren Patienten ist die Beeinträchtigung länger als bei jüngeren.

Toleranzentwicklung: die sedierende Wirkung nimmt bei regelmäßiger Einnahme innerhalb weniger Tage bis Wochen ab. Daraus entsteht oft eine Dosiseskalation, die die anticholinergen Nebenwirkungen verstärkt, ohne die Schlafqualität zu verbessern. Langfristige Selbstmedikation ist daher nicht sinnvoll.

Monitoring: klinische Beurteilung der Effektivität nach 2 Wochen, bei Fortbestehen der Schlafstörung ärztliche Abklärung. Bei älteren Patienten kognitive Funktion und Sturzrisiko dokumentieren, Alternative erwägen.

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Häufig gestellte Fragen

Ist Diphenhydramin als Schlafmittel ungefährlich, weil es rezeptfrei ist?

Nein. Die rezeptfreie Verfügbarkeit bedeutet nicht, dass der Wirkstoff nebenwirkungsarm ist. Diphenhydramin hat ein ausgeprägtes anticholinerges Nebenwirkungsprofil, kann bei älteren Patienten Delir und Stürze auslösen und birgt bei Überdosis schwere toxische Effekte. Eine Selbstmedikation sollte 2 Wochen nicht überschreiten, bei chronischen Schlafstörungen ärztliche Abklärung notwendig.

Warum schläft die Wirkung mit der Zeit ein?

Das zentrale Histaminsystem reguliert sich bei regelmäßiger Blockade herunter, es entwickelt sich eine Toleranz gegenüber der sedierenden Wirkung. Die Dauereinnahme verbessert den Schlaf nicht nachhaltig, erhöht aber die anticholinergen Nebenwirkungen. Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT I) ist die langfristig effektive Option.

Darf ich Diphenhydramin im Alter nehmen?

Zurückhaltung ist angezeigt. Die Priscus Liste führt Diphenhydramin als potentiell inadäquates Medikament für ältere Patienten wegen des Risikos für Delir, kognitive Beeinträchtigung und Stürze. Alternativen wie Melatonin, niederpotente Neuroleptika oder kognitive Verhaltenstherapie sind in dieser Altersgruppe vorzuziehen.

Wirkt Diphenhydramin auch bei allergischer Reaktion?

Ja, Diphenhydramin ist ein Antihistaminikum der ersten Generation und kann allergische Symptome lindern. Wegen der starken Sedierung ist es aber nicht die erste Wahl bei allergischer Rhinitis oder chronischer Urtikaria. Moderne, nichtsedierende Antihistaminika wie Cetirizin, Loratadin oder Desloratadin sind besser verträglich und bei Alltagsverwendung vorzuziehen.

Quellen

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