Flupentixol: Wirkung als Antipsychotikum

Flupentixol ist der pharmakologische Freiname (INN) der unter dem Handelsnamen Fluanxol bekannten Substanz. In Deutschland wird Flupentixol als Tablette, Tropfen und als langwirksame Depot Injektion (Flupentixoldecanoat) zur Behandlung schizophrener Psychosen sowie in niedriger Dosierung als adjuvante Therapie bei Depressionen mit Antriebsstörung eingesetzt. Es gehört zur Klasse der Thioxanthen Antipsychotika und ist seit den 1960er Jahren ein etablierter Wirkstoff in der Psychiatrie.

Charakteristisch für Flupentixol ist seine Dosis abhängige Wirkung. In niedrigen Dosen (0,5 bis 3 mg pro Tag) wirkt es überwiegend antidepressiv und aktivierend, in höheren Dosen (bis 60 mg pro Tag) entfaltet es eine antipsychotische Wirkung. Diese Eigenschaft ist im klinischen Alltag wertvoll, weil ein und dieselbe Substanz bei unterschiedlichen Indikationen einsetzbar ist. Die Depotform mit zwei bis vierwöchiger Wirkdauer ist eine Option für Patienten mit eingeschränkter oraler Therapietreue.

Wirkmechanismus

Flupentixol blockiert Dopamin D1 und D2 Rezeptoren mit ausgeprägter Affinität, zusätzlich Serotonin 5 HT2A, Histamin H1 und alpha 1 Adrenozeptoren. Die Blockade von D2 Rezeptoren in mesolimbischen Bahnen reduziert positive Symptome wie Wahn und Halluzinationen. Die zusätzliche 5 HT2A Blockade trägt zu einer geringeren Inzidenz extrapyramidalmotorischer Nebenwirkungen bei und kann negative und kognitive Symptome leicht verbessern.

In niedrigen Dosen scheinen vorwiegend präsynaptische D2 Rezeptoren blockiert zu werden, was paradox die Dopaminfreisetzung steigert und damit eine antriebssteigernde, antidepressive Wirkung erklärt. Diese Wirkung ist eine Besonderheit unter den klassischen Antipsychotika und macht Flupentixol bei gehemmt depressiven Patienten interessant. Eine Off Label Anwendung in dieser Indikation ist in Deutschland gut etabliert.

Pharmakokinetisch zeigt Flupentixol eine Halbwertszeit von etwa 35 Stunden, was eine ein bis zwei mal tägliche Anwendung ermöglicht. Der Abbau erfolgt überwiegend hepatisch über CYP2D6. Genetische Varianten und Komedikation können Spiegel relevant beeinflussen. Die Depotform mit Decanoat Ester wird intramuskulär injiziert, langsam aus dem Muskelgewebe freigesetzt und hat eine Wirkdauer von 2 bis 4 Wochen.

Anwendungsgebiete

  • Schizophrenie und schizoaffektive Störung, vor allem bei chronischen Verläufen, mit oraler Tablette oder als Depot
  • Depression mit Antriebsstörung und Verlangsamung, niedrigdosiert (0,5 bis 3 mg pro Tag)
  • Erhaltungstherapie nach erfolgreicher Akutbehandlung, mit Depot zur Verbesserung der Therapietreue
  • Manische Phasen, in Kombination mit Stimmungsstabilisatoren wie Lithium
  • Off Label bei aggressiver Verhaltensstörung in spezialisierten Settings

Flupentixol ist nicht erste Wahl bei Demenz bedingten Verhaltensauffälligkeiten, weil Antipsychotika in dieser Patientengruppe das Risiko für Schlaganfall und Mortalität erhöhen. Bei akuten Manien ohne psychotische Symptome stehen Stimmungsstabilisatoren oder atypische Antipsychotika oft im Vordergrund.

Dosierung und Einnahme

Schizophrenie oral: Beginn mit 1 bis 5 mg zwei bis drei mal täglich, individuelle Steigerung. Erhaltungsdosis meist 3 bis 15 mg pro Tag, in akuten Phasen bis 40 mg pro Tag.

Depression mit Antriebsstörung (off label): 0,5 bis 1 mg morgens, gegebenenfalls Steigerung auf 1,5 bis 3 mg pro Tag. Höhere Dosen wechseln in den antipsychotischen Wirkbereich.

Depot (Flupentixoldecanoat): 20 bis 100 mg intramuskulär alle 2 bis 4 Wochen, individuelle Anpassung nach klinischer Wirkung. Aufdosierung schrittweise.

Pädiatrisch: nicht für Kinder zugelassen.

Niereninsuffizienz: in der Regel keine Dosisanpassung. Leberinsuffizienz: bei moderater bis schwerer Beeinträchtigung Dosisreduktion erforderlich, weil hepatische Metabolisierung dominant.

Einnahme: Tabletten unzerkaut mit Wasser, möglichst zur gleichen Tageszeit. Aktivierende Wirkung in niedriger Dosis, daher morgens bevorzugen, um Schlafstörungen zu vermeiden.

Depot Anwendung: Injektion idealerweise in den Glutaeus oder Deltamuskel. Hautstelle wechseln. Initial Aufdosierung mit oraler Therapie überlappend.

Nebenwirkungen

Sehr häufig: Schläfrigkeit oder paradox Schlafstörungen, Müdigkeit, Mundtrockenheit, Gewichtszunahme, orthostatische Hypotonie.

Häufig: extrapyramidalmotorische Symptome wie Akathisie, Parkinsonismus, akute Dystonie, Hyperprolaktinämie mit Galaktorrhö, Zyklusstörungen oder erektiler Dysfunktion, Tachykardie, Verstopfung, Gewichtszunahme.

Gelegentlich bis selten: Spätdyskinesien bei Langzeittherapie, malignes neuroleptisches Syndrom (MNS) mit Fieber, Muskelrigidität, Bewusstseinsstörung und CK Erhöhung, QT Verlängerung, metabolisches Syndrom, Krampfanfälle, allergische Hautreaktionen.

Demenzbedingte Anwendung: erhöhte Mortalität und Schlaganfallrisiko bei dementen älteren Patienten, gilt für die gesamte Wirkstoffklasse.

Suizidalität: bei Patienten mit Schizophrenie und schizoaffektiver Störung erhöhte Grundgefährdung. Eine engmaschige psychiatrische Begleitung ist essentiell.

Wechselwirkungen

  • Andere zentral dämpfende Substanzen (Benzodiazepine, Z Substanzen, Opioide, Alkohol): verstärkte Sedierung, Sturzgefahr.
  • QT verlängernde Wirkstoffe (Methadon, Amiodaron, Citalopram in höherer Dosis, einige Antibiotika): kumulative QT Verlängerung.
  • Antihypertensiva: additive Hypotonie und Sturzgefahr.
  • Levodopa und Dopaminagonisten: gegenseitige Wirkungsabschwächung.
  • CYP2D6 Hemmer (Paroxetin, Fluoxetin, Bupropion): erhöhte Flupentixol Spiegel.
  • CYP2D6 Induktoren: niedrigere Spiegel, Wirkungsabschwächung.
  • Lithium: bei Kombination selten neurotoxische Symptome, klinische Beobachtung.
  • Anticholinergika: bei extrapyramidaler Symptomatik manchmal kombiniert (Biperiden), additive anticholinerge Wirkung.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: Daten begrenzt. Im dritten Trimenon sind neonatale Anpassungsstörungen mit Tremor, Schlafstörungen, Atemproblemen oder Trinkschwäche möglich. Anwendung nach individueller Risiko Nutzen Abwägung. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch, Stillen unter Therapie wird in der Regel nicht empfohlen.

Kinder und Jugendliche: nicht zugelassen.

Ältere Patienten: erhöhte Empfindlichkeit für Sedation, Stürze, kardiale Reaktionen. Niedrige Startdosis, langsame Titration, EKG bei kardialen Risikofaktoren.

Vor Therapiebeginn: EKG mit QT Beurteilung, Elektrolyte, Leber und Nierenwerte, Blutzucker und Lipidwerte, gegebenenfalls Schwangerschaftstest. Anamnese auf vorherige Antipsychotika, extrapyramidalmotorische Symptome, kardiale Vorerkrankungen, Krampfanfälle.

Therapiebegleitung: regelmäßige Reevaluation der Wirksamkeit, Beobachtung extrapyramidaler Symptome, Gewichts und Stoffwechselkontrollen alle drei bis sechs Monate, Prolaktin nach klinischem Hinweis.

Depot Wechsel: bei Wechsel zwischen oraler und Depot Therapie genaue Überlappungsschemata einhalten, weil Wirkungsaufbau und Wirkdauer unterschiedlich sind.

Lifestyle: Ernährung, Bewegung, soziale Strukturierung, Vermeidung von Drogen und übermäßigem Alkohol unterstützen den Therapieerfolg.

Verkehrstüchtigkeit: bei Eindosierung und Dosisänderungen häufig eingeschränkt, im stabilen Zustand nach individueller Beurteilung möglich.

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Häufig gestellte Fragen

Worin unterscheidet sich Flupentixol von Fluanxol?

Flupentixol ist der internationale Freiname (INN), Fluanxol der bekannteste Handelsname in Deutschland. Pharmakologisch sind beide identisch. Es gibt zudem Generika und Depotpräparate (Fluanxol Depot beziehungsweise Flupentixoldecanoat).

Warum kann Flupentixol antidepressiv wirken?

In niedrigen Dosen blockiert Flupentixol vorwiegend präsynaptische D2 Rezeptoren, was paradox die Dopaminfreisetzung steigert und antriebssteigernd wirkt. In höheren Dosen dominiert die postsynaptische D2 Blockade mit antipsychotischer Wirkung. Die Dosisabhängigkeit ist eine Besonderheit der Substanz und macht sie bei Depressionen mit Hemmung interessant.

Welche Vorteile hat die Depotform?

Depotformen verbessern die Therapietreue und reduzieren Rückfallrisiken bei Patienten mit Schizophrenie deutlich. Eine Injektion alle 2 bis 4 Wochen ist einfacher zu handhaben als tägliche orale Tabletten und entlastet Patienten und Angehörige. Bei stabiler Therapie ist die Depotform oft die robusteste Lösung.

Was tun bei extrapyramidalen Symptomen?

Bei akuter Dystonie hilft Biperiden intramuskulär oder oral. Bei Akathisie und Parkinsonismus wird die Flupentixol Dosis reduziert oder ein Anticholinergikum kurzzeitig ergänzt. Bei Spätdyskinesien (nach Monaten bis Jahren der Therapie) ist eine Therapieanpassung in spezialisierter Begleitung notwendig.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Antipsychotika sollten ausschließlich nach gezielter Indikationsstellung und in psychiatrischer Begleitung eingesetzt werden. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen, maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.