Prednisolon: Synthetisches Glukokortikoid zur Entzündungshemmung und Immunmodulation

Prednisolon ist ein synthetisches Glukokortikoid, das aus Kortisol abgeleitet wird. Seine entzündungshemmende Wirkung ist etwa fünffach stärker als die seines Vorläufers. Ärzte zählen es zu den am häufigsten eingesetzten Kortikosteroiden und verordnen es bei zahlreichen entzündlichen, allergischen und immunologischen Erkrankungen. Prednisolon ist das biologisch aktive Metabolit von Prednison und wirkt unmittelbar nach der Resorption, ohne dass eine Aktivierung in der Leber erforderlich ist.

Sie erhalten den Wirkstoff als Tablette, Injektionslösung, Augentropfen sowie als topische Zubereitung. Auf dem Markt sind zahlreiche Generika und Originalpräparate wie Decortin H verfügbar. Seit Jahrzehnten ist Prednisolon fester Bestandteil der Therapieleitlinien, etwa bei rheumatoider Arthritis, asthmatischen Erkrankungen, entzündlichen Darmerkrankungen und Organtransplantationen.

Wirkmechanismus

Prednisolon bindet intrazellulär an den Glukokortikoidrezeptor (GR), der sich im Zytoplasma befindet. Nach Bindung transloziert der Rezeptorkomplex in den Zellkern und beeinflusst dort die Transkription zahlreicher Gene. Über sogenannte Glukokortikoid-responsive Elemente (GRE) werden antiinflammatorische Gene hochreguliert, während proinflammatorische Zytokine wie Interleukin-1 (IL-1), IL-2, IL-6, Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-alpha) und Interferon-gamma supprimiert werden.

Zusätzlich hemmt Prednisolon die Phospholipase A2 über Lipocortin-1, was die Synthese von Arachidonsäuremetaboliten (Prostaglandine, Leukotriene) reduziert. Die Migration von Entzündungszellen in das Gewebe wird gebremst, die Permeabilität von Blutgefäßen sinkt, und die Freisetzung von Histamin aus Mastzellen wird gehemmt. Diese Mechanismen erklären die ausgeprägte Wirkung bei allergischen und entzündlichen Prozessen.

Neben den entzündungshemmenden Effekten greift Prednisolon auch in den Stoffwechsel ein: Es steigert die Glukoneogenese, fördert den Abbau von Proteinen und Fetten, und hemmt die Insulinwirkung peripher. Dies begründet das Risiko eines steroidinduzierten Diabetes mellitus bei längerer Anwendung.

Anwendungsgebiete

  • Rheumatische Erkrankungen: Rheumatoide Arthritis, systemischer Lupus erythematodes, Polymyalgia rheumatica, Vaskulitiden
  • Atemwegserkrankungen: Schweres Asthma bronchiale, akute COPD-Exazerbation, Krupp-Syndrom
  • Allergische Reaktionen: Anaphylaxie (adjuvant), schwere Urtikaria, angioneurotisches Ödem
  • Entzündliche Darmerkrankungen: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa im akuten Schub
  • Dermatologische Erkrankungen: Pemphigus vulgaris, schwere atopische Dermatitis, Erythema multiforme
  • Neurologische Erkrankungen: Multiple Sklerose (Schubtherapie), Myasthenia gravis, CIDP
  • Transplantationsmedizin: Abstoßungsprophylaxe in Kombination mit anderen Immunsuppressiva
  • Onkologie: Bestandteil verschiedener Chemotherapieschemata (z. B. CHOP bei Lymphomen)

Dosierung und Einnahme

Niedrigdosistherapie (antirheumatisch): 5–10 mg täglich, möglichst morgens mit dem Essen zur Minderung gastrointestinaler Beschwerden und zur Anpassung an den zirkadianen Kortisolrhythmus. Mitteldosis: 20–40 mg täglich, häufig bei akuten Schüben entzündlicher Erkrankungen. Hochdosis (Stoßtherapie): 1 mg/kg KG/Tag bis zu 2 mg/kg KG/Tag, beispielsweise bei schwerster allergischer Reaktion oder MS-Schub. Intravenöse Hochdosispulstherapie bis 500–1000 mg täglich (Methylprednisolon) ist bei MS und schweren Autoimmunreaktionen üblich.

Die Dosierung wird in der Regel schrittweise reduziert (sogenanntes Ausschleichen), um eine Nebennierenrindensuppression zu vermeiden. Bei Langzeittherapie über mehr als 3 Wochen darf Prednisolon nicht abrupt abgesetzt werden, da die körpereigene Kortisolproduktion supprimiert ist und eine akute Nebenniereninsuffizienz (Addison-Krise) droht. Die niedrigste noch wirksame Dosis sollte angestrebt werden.

Nebenwirkungen

Häufig bei Kurzzeittherapie: Blutzuckererhöhung (besonders bei Diabetikern), Stimmungsschwankungen bis zur Euphorie oder Depression, Schlafstörungen, Flüssigkeitsretention mit Gewichtszunahme, erhöhte Infektanfälligkeit.

Bei Langzeittherapie (über Wochen bis Monate): Cushing-Syndrom (Vollmondgesicht, Stammfettsucht, Büffelnacken), Osteoporose mit Frakturgefahr, Muskelschwäche (Steroidmyopathie), Katarakt und Glaukom, Hautatrophie und Striae, verzögerte Wundheilung, gastrointestinale Ulzera (insbesondere in Kombination mit NSAR), Arteriosklerose durch Hyperglykämie und Dyslipidämie, Wachstumshemmung bei Kindern.

Nebennierenrindensuppression: Bereits nach wenigen Wochen täglicher Gabe über der physiologischen Kortisoldosis (ca. 7,5 mg Prednisolon-Äquivalent) unterdrückt Prednisolon die körpereigene Kortisolproduktion über die HPA-Achse. Stressituationen (Operation, Infekt, Trauma) können dann eine akute Insuffizienz auslösen.

Wechselwirkungen

  • NSAR (Ibuprofen, Diclofenac, Aspirin): Deutlich erhöhtes Risiko für gastrointestinale Blutungen und Ulzera; Kombination nur mit Magenschutz (PPI)
  • Antidiabetika und Insulin: Prednisolon erhöht den Blutzucker; Dosisanpassung der antidiabetischen Therapie erforderlich
  • Antihypertensiva und Diuretika: Verstärkte Kaliumausscheidung (Hypokaliämiegefahr); Blutdruckanstieg möglich
  • CYP3A4-Induktoren (Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin): Beschleunigter Abbau von Prednisolon; Wirkungsverlust möglich
  • CYP3A4-Hemmer (Ketoconazol, Clarithromycin): Verlangsamter Abbau; erhöhte Prednisolon-Exposition
  • Impfungen mit Lebendimpfstoffen: Unter immunsuppressiver Dosis kontraindiziert (Risiko einer Impfkrankheit)
  • Herzglykoside (Digoxin): Hypokaliämie durch Prednisolon verstärkt die Digitalis-Toxizität

Besondere Hinweise

Osteoporoseprophylaxe: Bei zu erwartender Langzeittherapie (über 3 Monate) sollte frühzeitig eine Osteoporoseprophylaxe mit Kalzium (1000–1500 mg/Tag) und Vitamin D (800–2000 IE/Tag) begonnen werden. Bei hohem Risiko (postmenopausale Frauen, ältere Männer, vorbestehende Osteoporose) zusätzlich ein Bisphosphonat erwägen.

Steroidausweis: Patienten unter längerfristiger Kortikoidtherapie sollten einen Steroidausweis tragen, der im Notfall (z. B. bei Bewusstlosigkeit oder Operation) eine adäquate Versorgung ermöglicht.

Schwangerschaft und Stillzeit: Prednisolon gilt als eines der sichereren Kortikosteroide in der Schwangerschaft, da es in der Plazenta zu einem großen Teil inaktiviert wird. Bei wiederholter Hochdosisanwendung im ersten Trimester besteht ein gering erhöhtes Risiko für Gaumenspalten. In der Stillzeit ist Prednisolon bei therapeutischen Dosen unter 25 mg/Tag vertretbar.

Infektionsschutz: Unter immunsuppressiver Prednisolontherapie sollten Zeichen einer Infektion sorgfältig beobachtet werden, da Prednisolon Entzündungszeichen maskieren kann. Tuberkulose-Reaktivierungen sind bei entsprechender Anamnese möglich.

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Häufig gestellte Fragen

Warum darf man Prednisolon nicht plötzlich absetzen?

Bei längerer Einnahme unterdrückt Prednisolon die körpereigene Kortisol-Produktion über die HPA-Achse. Stoppen Sie das Medikament abrupt, kann die Nebennierenrinde nicht schnell genug reagieren. Dann droht eine akute Nebenniereninsuffizienz mit Kreislaufversagen. Reduzieren Sie die Dosis deshalb schrittweise, immer nach ärztlicher Anweisung.

Was ist der Unterschied zwischen Prednisolon und Prednison?

Prednison ist ein Prodrug, das in der Leber zu Prednisolon aktiviert wird. Prednisolon ist die biologisch aktive Form und wirkt daher direkt. Bei eingeschränkter Leberfunktion ist Prednisolon zuverlässiger, da die Aktivierungskapazität für Prednison reduziert sein kann. In der Wirkstärke und Dosierung sind beide Substanzen äquivalent.

Kann Prednisolon den Blutzucker erhöhen?

Ja. Prednisolon steigert die Glukoneogenese in der Leber und hemmt die Insulinwirkung in den peripheren Geweben. Bei bestehender Zuckerkrankheit kann dies zur Entgleisung führen; auch bei Nicht-Diabetikern sind vorübergehend erhöhte Blutzuckerwerte möglich. Besonders postprandiale Werte steigen an. Bei Langzeittherapie sind engmaschige Blutzuckerkontrollen wichtig.

Wann sollte Prednisolon morgens eingenommen werden?

Die morgendliche Einnahme (zwischen 6:00 und 8:00 Uhr) orientiert sich am natürlichen zirkadianen Rhythmus der Kortisol-Ausschüttung, die in den frühen Morgenstunden ihr Maximum hat. So wird die körpereigene Regelung der Nebennierenrinde weniger unterdrückt. Zudem vermindert die Einnahme zum Frühstück das Risiko gastrointestinaler Beschwerden.

Quellen