Pentaerythrityltetranitrat: Langzeitnitrat
Pentaerythrityltetranitrat (PETN, Handelsname Pentalong) ist ein organisches Nitrat aus der Gruppe der Langzeitnitrate, das in der Therapie der koronaren Herzkrankheit eingesetzt wird. PETN unterscheidet sich von anderen organischen Nitraten wie Glyceroltrinitrat und Isosorbidmononitrat durch eine längere Wirkdauer und eine geringere Toleranzentwicklung. In Deutschland ist PETN seit Jahrzehnten verfügbar und hat in der Langzeittherapie der stabilen Angina pectoris einen festen Stellenwert. Trotz neuerer Therapieoptionen wie Beta Blocker, Calcium Antagonisten und Ranolazin bleibt PETN eine bewährte Alternative oder Add on Therapie bei Patienten mit anhaltender Angina Symptomatik.
PETN hat in der Pentalong Studie (PENTACOR) gute klinische Daten zur Reduktion von Angina Anfällen und zur Verbesserung der Belastungstoleranz gezeigt. Die Substanz wird primär oral als Tabletten verabreicht und in der Regel ein bis drei mal täglich eingenommen. Wichtig in der Langzeittherapie ist die Beachtung des nitratfreien Intervalls, um eine Toleranzentwicklung zu vermeiden, die bei kurzwirksamen Nitraten häufig auftritt. PETN gilt diesbezüglich als günstiger als kurz wirkende Nitrate.
Wirkmechanismus
PETN wirkt wie alle organischen Nitrate über eine endotheliale und zelluläre Freisetzung von Stickstoffmonoxid (NO). NO aktiviert die lösliche Guanylatzyklase in der glatten Muskelzelle, was zu einem Anstieg des zyklischen GMP (cGMP) und zur Aktivierung der Proteinkinase G führt. Daraus resultieren eine Hemmung des intrazellulären Calciumeintritts und eine Relaxation der glatten Muskulatur. Die vasodilatatorische Wirkung trifft primär die venösen Kapazitätsgefäße und reduziert dadurch die Vorlast (Preload) auf das Herz, was den myokardialen Sauerstoffverbrauch senkt.
In höheren Dosen wirkt PETN auch auf die Koronararterien und reduziert Spasmen oder erweitert kollateralen Gefäße, wodurch die myokardiale Sauerstoffversorgung verbessert wird. Die Kombination aus Vorlastsenkung und Verbesserung der Koronarperfusion erklärt die antianginöse Wirkung. PETN hat zudem positive Effekte auf die endotheliale Dysfunktion, was bei chronischer Anwendung zu einer Verbesserung der Gefäßfunktion beitragen kann.
Pharmakokinetisch wird PETN nach oraler Gabe rasch absorbiert, hat jedoch einen ausgeprägten First Pass Effekt in der Leber. PETN selbst hat eine Plasmahalbwertszeit von etwa 3 bis 4 Stunden, wird aber zu pharmakologisch aktiven Metaboliten wie Pentaerythritolmononitrat und Pentaerythritoldinitrat metabolisiert. Diese aktiven Metaboliten haben deutlich längere Halbwertszeiten von 8 bis 14 Stunden und tragen zur längeren Wirkdauer bei. Die Elimination erfolgt überwiegend renal.
Anwendungsgebiete
- Stabile Angina pectoris als Langzeittherapie zur Anfallsprophylaxe
- Vasospastische Angina (Prinzmetal Angina), in spezifischen Indikationen mit Koronarspasmen
- Linksherzinsuffizienz mit erhöhter Vorlast in spezifischen Konstellationen, vor allem bei zusätzlicher symptomatischer Angina
- Adjuvante Therapie bei stabiler KHK in Kombination mit Beta Blockern, Calcium Antagonisten oder Ranolazin
PETN ist nicht zur akuten Beendigung eines Angina Anfalls geeignet, dafür wird Glyceroltrinitrat sublingual als Akutpräparat verwendet. Bei Patienten mit hochwertiger Anfallsfrequenz wird PETN als basisprophylaktische Komponente eingesetzt.
Dosierung und Anwendung
Stabile Angina pectoris Erwachsene: 50 mg 1 bis 3 mal täglich oral. Beginn mit niedriger Dosis (50 mg 1 mal täglich), schrittweise Steigerung nach Wirkung und Verträglichkeit. Maximaldosis 240 mg pro Tag.
Verteilung über den Tag: idealerweise zur Vermeidung von Toleranzentwicklung mit ausreichendem nitratfreien Intervall, etwa morgens und mittags, sodass nachts ein 8 bis 10 stündiges nitratfreies Intervall besteht.
Verabreichung: mit Wasser einnehmen, unzerkaut, vorzugsweise nüchtern oder vor den Mahlzeiten zur besseren Resorption. Tabletten nicht teilen oder zerkleinern, weil dies die Bioverfügbarkeit beeinflussen kann.
Beim Therapiebeginn: mit niedriger Dosis starten, langsame Steigerung über mehrere Tage zur Reduktion von Kopfschmerzen und Hypotonie.
Niereninsuffizienz: bei schwerer Beeinträchtigung Vorsicht und ggf. Dosisreduktion. Leberinsuffizienz: bei schwerer Beeinträchtigung Vorsicht wegen verstärkter Wirkung.
Wichtig: bei Therapieabbruch ausschleichende Dosisreduktion, weil ein abruptes Absetzen Rebound Angina auslösen kann.
Nebenwirkungen
Sehr häufig (besonders zu Therapiebeginn): Kopfschmerzen, die in den ersten Tagen oft ausgeprägt sind und nach 1 bis 2 Wochen meist abklingen.
Häufig: Schwindel, Schwächegefühl, Hautrötung (Flush), Tachykardie, Hypotonie, orthostatische Beschwerden, Übelkeit, Erbrechen.
Gelegentlich: Kollapsneigung, paradoxe Bradykardie mit Synkope, allergische Hautreaktionen, Hautausschlag.
Selten bis sehr selten: Methämoglobinämie (besonders bei Überdosierung), schwere allergische Reaktionen einschließlich Anaphylaxie, Verstärkung von Engwinkelglaukom, exfoliative Dermatitis.
Toleranzentwicklung: bei kontinuierlich hohen Spiegeln Wirkungsabschwächung, daher nitratfreies Intervall wichtig. PETN gilt als weniger toleranzanfällig als kurz wirkende Nitrate.
Wechselwirkungen
- Phosphodiesterase 5 Inhibitoren (Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil): kontraindizierte Kombination, weil massive Hypotonie mit Schock möglich ist. Mindestabstand 24 Stunden (Sildenafil, Vardenafil) bzw. 48 Stunden (Tadalafil).
- Riociguat: kontraindiziert wegen schwerer Hypotonie.
- Antihypertensiva: additive Hypotonie, Vorsicht bei Kombination, Dosisanpassung.
- Diuretika: bei Volumenmangel verstärkte hypotensive Wirkung.
- Trizyklische Antidepressiva, Antipsychotika: orthostatische Hypotonie verstärkt.
- Alkohol: verstärkte Vasodilatation und Hypotonie.
- Acetylsalicylsäure und andere NSAR: theoretische Reduktion der antianginösen Wirkung, klinische Relevanz unklar.
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: in der Regel nicht empfohlen, weil begrenzte Daten vorliegen. Bei zwingender Indikation strenge Risiko Nutzen Abwägung. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch unklar, Vorsicht.
Kinder: nicht für Kinder zugelassen, weil keine ausreichenden Daten vorliegen.
Kontraindikationen: bekannte Überempfindlichkeit gegen Nitrate, schwere Hypotonie, Schock, akute Kreislaufinsuffizienz, hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie, schwere Anämie, erhöhter intrakranieller Druck, gleichzeitige Anwendung von PDE 5 Inhibitoren oder Riociguat, Engwinkelglaukom.
Vor Therapie: ausführliche kardiovaskuläre Anamnese, Blutdruck, EKG, ggf. Ergometrie, Komedikation prüfen.
Während der Therapie: regelmäßige klinische Verlaufskontrolle, Anfallsfrequenz, Blutdruck, Verträglichkeit. Bei Verschlechterung der Symptomatik kardiologische Reevaluation.
Lebensstil: Risikofaktoren der KHK ansprechen (Rauchen, Bluthochdruck, Lipide, Diabetes, Bewegung). Adhärenz ist wichtig, abruptes Absetzen vermeiden.
Verkehrstüchtigkeit: zu Therapiebeginn und nach Dosisanpassungen wegen Schwindel und Hypotonie nicht autofahren oder schwere Maschinen bedienen. Im stabilen Verlauf in der Regel möglich.
Das könnte Sie auch interessieren
- Glyceroltrinitrat, kurz wirkendes Nitrat als Spray oder Kapsel zur Akutbehandlung
- Isosorbidmononitrat, Langzeitnitrat als Alternative
- Molsidomin, NO Donor mit ähnlicher Wirkung
- Ranolazin, antianginöses Mittel mit anderem Wirkmechanismus
- Metoprolol, Beta Blocker bei stabiler Angina
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Vorteil von PETN gegenüber anderen Langzeitnitraten?
PETN gilt als weniger anfällig für Toleranzentwicklung als kurz wirkende Nitrate. Außerdem hat PETN positive Effekte auf die endotheliale Funktion gezeigt. In klinischen Studien hat PETN bei stabiler Angina pectoris vergleichbare antianginöse Wirkung wie andere Langzeitnitrate gezeigt, mit guter Langzeitverträglichkeit. Die Auswahl zwischen den verfügbaren Langzeitnitraten erfolgt individuell nach Verträglichkeit und Komorbiditäten.
Was bedeutet das nitratfreie Intervall?
Wenn ein Nitrat kontinuierlich im Plasma vorhanden ist, kann das körpereigene NO Stoffwechselsystem ermüden, was zu einer Toleranzentwicklung mit Wirkungsabschwächung führt. Um dies zu vermeiden, wird die Tagesdosis so verteilt, dass eine 8 bis 12 stündige Phase mit niedrigen Plasmaspiegeln besteht, üblicherweise nachts. Bei PETN wird zum Beispiel morgens und mittags eingenommen, abends und nachts nicht.
Warum dürfen PDE 5 Inhibitoren nicht kombiniert werden?
PDE 5 Inhibitoren (Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil) verstärken die Wirkung von Nitraten massiv, weil beide Wirkstoffklassen die NO Signalkette beeinflussen. Die Folge können extreme Hypotonie, Schock und sogar tödliche kardiovaskuläre Komplikationen sein. Daher ist die Kombination strikt kontraindiziert. Bei Bedarfsmedikation mit PDE 5 Inhibitor muss zwischen den Substanzen ein Mindestabstand eingehalten werden.
Was tun, wenn ich Kopfschmerzen unter PETN habe?
Kopfschmerzen sind eine sehr häufige Nebenwirkung in den ersten Tagen einer Nitrattherapie und entstehen durch die Erweiterung der Hirngefäße. Sie klingen bei den meisten Patienten nach 1 bis 2 Wochen deutlich ab. Bei stark belastenden Kopfschmerzen kann die Dosis vorübergehend reduziert werden, eine kurzzeitige symptomatische Therapie mit Paracetamol oder leichten Schmerzmitteln ist möglich. Bei anhaltend starken Kopfschmerzen ärztliche Rücksprache.
Quellen
- Gelbe Liste, Pentaerythrityltetranitrat Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK), Leitlinien zur stabilen Angina pectoris
- AWMF Nationale VersorgungsLeitlinie chronische KHK
Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss
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