Cyproteron: Antiandrogen mit gestagener Wirkung

Cyproteron ist ein Steroidwirkstoff mit antiandrogener und gestagener Eigenschaft. Klinisch eingesetzt wird er als Cyproteronacetat, dem Esterprodrug mit verlängerter Wirkdauer und besserer oraler Bioverfügbarkeit. Die Anwendung umfasst seit den 1970er Jahren die Behandlung androgenisierungs bedingter Erkrankungen bei Frauen (Hirsutismus, schwere Akne, Alopezie) sowie das fortgeschrittene Prostatakarzinom bei Männern.

Cyproteron unterscheidet sich von reinen Antiandrogenen wie Bicalutamid durch die zusätzliche gestagene Wirkung. Diese kann therapeutisch genutzt werden, etwa zur Suppression der Gonadotropin Sekretion. Sie verursacht aber auch typische gestagene Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Brustspannen oder Stimmungsveränderungen. Eine spezifische Sicherheitsfrage betrifft das erhöhte Risiko für Meningeome bei Hochdosis und Langzeitanwendung.

Wirkmechanismus

Cyproteron wirkt an mehreren Hormonrezeptoren:

  • Kompetitive Hemmung des Androgenrezeptors in Zielgeweben (Prostata, Talgdrüsen, Haarfollikel, Hypothalamus)
  • Agonist am Progesteronrezeptor, mit gestagener Wirkung
  • Hemmung der Gonadotropin Freisetzung über negative Rückkopplung am Hypothalamus, dadurch Reduktion der Testosteronproduktion in den Hoden

Die Kombination aus Rezeptorblockade und endogener Testosteronsuppression führt zu einer ausgeprägten Reduktion androgener Effekte. Bei Männern reduziert sich die Testosteron Produktion ähnlich wie unter chemischer Kastration mit GnRH Analoga.

Cyproteronacetat wird hepatisch über CYP3A4 metabolisiert. Die Halbwertszeit beträgt 1 bis 3 Tage, was eine ein bis zweimal tägliche Einnahme ermöglicht.

Anwendungsgebiete

  • Schwerer Hirsutismus bei Frauen: wenn andere Therapien nicht ausreichen, oft in Kombination mit Ethinylestradiol (Diane 35)
  • Schwere Akne und Alopezie androgenetica: bei Frauen mit androgener Komponente
  • Prostatakarzinom: Monotherapie oder in Kombination mit GnRH Analoga zur Vermeidung des Flare Phänomens
  • Geschlechtsangleichende Hormontherapie bei trans Frauen: als Antiandrogen, oft in Kombination mit Östrogen
  • Pubertas praecox bei Jungen: in Einzelfällen unter spezialisierter Betreuung
  • Schwere sexuelle Deviationen: nach strenger Indikationsstellung

Dosierung und Einnahme

Hirsutismus, Akne, Alopezie bei Frauen: 50 bis 100 mg Cyproteronacetat pro Tag an Tag 1 bis 10 des Zyklus, kombiniert mit einem oralen Kontrazeptivum oder Ethinylestradiol. In Diane 35 sind 2 mg Cyproteronacetat pro Tablette enthalten, die kontinuierlich mit Ethinylestradiol eingenommen werden.

Prostatakarzinom: 100 bis 300 mg pro Tag, oft in Kombination mit anderen Wirkstoffen.

Geschlechtsangleichende Hormontherapie: 25 bis 100 mg pro Tag oral, individuelle Anpassung an Testosteronspiegel.

Die Einnahme erfolgt zu den Mahlzeiten, da Cyproteron lipophil ist und mit fetthaltiger Nahrung besser resorbiert wird.

Therapiekontrolle: regelmäßige Kontrolle der Leberwerte, des klinischen Verlaufs und bei Hochdosis Anwendung Bildgebung des Schädels nach längerer Therapiedauer wegen Meningeom Risikos.

Nebenwirkungen

Häufig: Müdigkeit, depressive Verstimmung, Libidoverlust, Gewichtsveränderungen, Brustspannen, Galaktorrhoe, Hyperprolaktinämie, Hautausschlag, Pruritus.

Gelegentlich: erektile Dysfunktion, Hypoplasie der Hoden bei Männern, Wassereinlagerung, Hyperglykämie, erhöhte Lebertransaminasen.

Selten und sehr selten: hepatotoxische Reaktionen bis hin zu fulminanter Hepatitis, Lebertumoren, thromboembolische Ereignisse, Meningeome (vor allem bei Langzeit Hochdosis Therapie), Anaphylaxie.

Meningeom Risiko:

  • Bei Hochdosis Anwendung über mehrere Jahre erhöhtes Risiko für Meningeome, vor allem bei Frauen über 35 Jahren
  • Eine kumulative Dosis von über 10 g pro Jahr oder eine Behandlungsdauer über 5 Jahre erhöht das Risiko deutlich
  • Bei Hinweisen auf Meningeom (Kopfschmerzen, Sehstörungen, neurologische Defizite) sofortige Bildgebung und Therapieabbruch
  • Die EMA empfiehlt seit 2021, Cyproteronacetat in Hochdosis Indikationen nur bei strenger Indikation und nach Versagen anderer Optionen einzusetzen

Wechselwirkungen

  • Starke CYP3A4 Hemmer (Itraconazol, Ritonavir, Erythromycin): Spiegelerhöhung
  • Starke CYP3A4 Induktoren (Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin, Johanniskraut): Spiegelabfall, mögliche Wirkminderung
  • Antidiabetika: Hyperglykämie möglich, Anpassung der Diabetestherapie
  • Antikoagulantien: mögliche INR Veränderungen
  • Andere hormonelle Substanzen: komplexe Interaktionen, individuelle Beurteilung

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: kontraindiziert.

Stillzeit: kontraindiziert.

Vor Therapiebeginn:

  • Anamnese und Labor (Leberwerte, Blutbild, Lipidprofil, Glukose)
  • Bei Frauen Schwangerschaftsausschluss
  • Beratung zu Verhütung (auch zwischen Kontrazeptionsschutz und Therapie)
  • Bei Hochdosis Indikationen: Aufklärung über Meningeom Risiko

Im Verlauf: regelmäßige Leberwertkontrollen, klinische Beurteilung von Therapieerfolg und Verträglichkeit. Bei Hochdosis und Langzeitanwendung jährliche Bildgebung des Schädels diskutieren.

Geschlechtsangleichende Hormontherapie: Therapie sollte in spezialisierten endokrinologischen Zentren begleitet werden, mit individueller Anpassung an Testosteronspiegel und klinische Wirkung.

Patientenkommunikation: ehrliche Aufklärung über Wirkung, Nebenwirkungen und das spezifische Meningeom Risiko ist essenziell. Patientinnen und Patienten sollten neue neurologische Symptome ernst nehmen und ärztlich abklären lassen.

Verwandte Wirkstoffe

Häufig gestellte Fragen

Was unterscheidet Cyproteron von Cyproteronacetat?

Cyproteron ist die freie Substanz, Cyproteronacetat das Esterprodrug. Klinisch wird in der Regel Cyproteronacetat eingesetzt, weil es oral besser bioverfügbar ist und eine längere Wirkdauer hat. Pharmakologisch ist die Wirkung identisch.

Warum ist das Meningeom Risiko relevant?

Bei längerer Hochdosis Anwendung von Cyproteronacetat (über mehrere Jahre, kumulative Dosis über 10 g pro Jahr) steigt das Risiko für Meningeome deutlich. Diese gutartigen Tumoren können je nach Lokalisation neurologische Symptome verursachen. Bei strenger Indikationsstellung und sorgfältiger Verlaufsbeurteilung ist die Anwendung möglich, eine engmaschige Beobachtung wird empfohlen.

Hilft Cyproteron bei Frauen mit Akne?

Bei Frauen mit ausgeprägter androgenetischer Komponente und Akne ist Cyproteronacetat in Kombination mit Ethinylestradiol (Diane 35) eine etablierte Option. Bei leichten bis moderaten Akneformen sollten zunächst topische Therapien und ggf. orale Antibiotika erwogen werden.

Ist Cyproteron beim Prostatakarzinom Standard?

Heute werden GnRH Analoga (Leuprorelin, Goserelin) oder GnRH Antagonisten (Degarelix) sowie moderne nicht steroidale Antiandrogene (Enzalutamid, Apalutamid) bevorzugt. Cyproteron bleibt eine Reserveoption oder wird zur Vermeidung des Flare Phänomens initial mit GnRH Analoga kombiniert.

Quellen

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