Tigecyclin: Glycylcyclin Reserveantibiotikum

Tigecyclin (Handelsname Tygacil) ist das erste klinisch eingesetzte Glycylcyclin Antibiotikum, eine Weiterentwicklung der Tetracycline. Mit der Zulassung 2005 wurde ein Reserveantibiotikum verfügbar, das gegen viele multiresistente Erreger einschließlich MRSA, ESBL Bildner und einige Carbapenem resistente Enterobakterien wirksam ist. Aufgrund einer in Studien beobachteten erhöhten Mortalität gegenüber Vergleichsantibiotika unterliegt Tigecyclin einer engen Indikationsstellung und wird vor allem in spezialisierten Zentren eingesetzt.

Tigecyclin wird ausschließlich intravenös verabreicht und ist auf bestimmte Infektionsarten zugelassen, vor allem komplizierte Haut , Weichgewebe und intraabdominelle Infektionen. Bei nosokomialer Pneumonie ist die Anwendung nach Sicherheitsbewertungen zurückhaltend und nur in Ausnahmefällen indiziert.

Wirkmechanismus

Tigecyclin bindet wie alle Tetracycline an die 30S Untereinheit des bakteriellen Ribosoms und blockiert die Anlagerung der Aminoacyl tRNA an die A Stelle. Die Proteinsynthese wird gehemmt, das Bakterienwachstum kommt zum Stillstand. Die Wirkung ist primär bakteriostatisch.

Der entscheidende Unterschied zu klassischen Tetracyclinen ist die N alkyl Glycylamido Seitenkette an Position 9. Diese Modifikation umgeht die wichtigsten Tetracyclin Resistenzmechanismen, nämlich Effluxpumpen (Tet A bis Tet E) und ribosomale Schutzproteine (Tet M, Tet O). Daraus resultiert ein deutlich erweitertes Wirkspektrum mit Aktivität gegen MRSA, VRE, ESBL Bildner, viele Carbapenemase produzierende Enterobakterien, Stenotrophomonas, Acinetobacter und einige Anaerobier.

Tigecyclin ist nicht oral bioverfügbar und wird intravenös verabreicht. Die Eliminierung erfolgt vorwiegend biliär, weshalb keine Anpassung bei Niereninsuffizienz erforderlich ist.

Anwendungsgebiete

  • Komplizierte Haut und Weichgewebeinfektionen (cSSTI): einschließlich tiefer Infektionen, polymikrobieller Verläufe und MRSA Infektionen, wenn andere Optionen nicht geeignet sind
  • Komplizierte intraabdominelle Infektionen (cIAI): nach Hohlorganperforation oder Sepsis abdominalen Ursprungs
  • Reservetherapie bei multiresistenten Erregern: insbesondere bei Carbapenem resistenten Enterobakterien, vor allem in Kombinationstherapie
  • Nosokomiale Pneumonie: nicht zugelassen für ambulant erworbene Pneumonie und nur unter besonderer Vorsicht bei nosokomialer Pneumonie wegen Mortalitätsdaten

Dosierung und Anwendung

Standarddosis: Initialdosis 100 mg intravenös, danach 50 mg alle 12 Stunden über 30 bis 60 Minuten.

Therapiedauer: abhängig von Infektion und klinischem Verlauf, in der Regel 5 bis 14 Tage. Bei schweren Infektionen kann eine längere Therapie erforderlich sein.

Niereninsuffizienz: keine Dosisanpassung erforderlich.

Schwere Leberinsuffizienz (Child Pugh C): Initialdosis 100 mg, danach 25 mg alle 12 Stunden.

Die Anwendung erfolgt im klinischen Setting unter ärztlicher Kontrolle. Eine sorgfältige Indikationsstellung und Resistenztestung sind Standard.

Nebenwirkungen

Sehr häufig: Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Bauchschmerzen.

Häufig: Anstieg der Lebertransaminasen, Hyperbilirubinämie, Schwindel, Kopfschmerzen, Anämie, Pruritus, Hautausschlag, Phlebitis an der Infusionsstelle.

Gelegentlich: Pankreatitis, Krampfanfälle, Hypoglykämie, Verlängerung der Prothrombinzeit, anaphylaktoide Reaktionen.

Selten und sehr selten: Stevens Johnson Syndrom, schwere Leberreaktionen, Knochen oder Zahnverfärbung bei Anwendung in Schwangerschaft oder bei Kindern unter 8 Jahren, antibiotikaassoziierte Kolitis durch Clostridioides difficile.

Wichtige Sicherheitsaspekte:

  • Erhöhte Mortalität in gepoolten Studien gegenüber Vergleichsantibiotika; Indikation streng prüfen
  • Bei nosokomialer Pneumonie zurückhaltend, weil Mortalität in Studien klinisch relevant erhöht war
  • Pankreatitis bei plötzlichen Bauchschmerzen ausschließen
  • Engmaschige Kontrolle der Leberwerte

Wechselwirkungen

  • Vitamin K Antagonisten (Warfarin, Phenprocoumon): Wirkverstärkung, INR Kontrolle
  • Orale Kontrazeptiva: theoretisch reduzierte Wirksamkeit durch Beeinflussung der Darmflora; klinische Bedeutung gering
  • Calciumhaltige Lösungen: Inkompatibilität, separate Infusionsleitung
  • Andere myelotoxische oder nephrotoxische Substanzen: Vorsicht in der Kombination, individuelle Bewertung

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: nicht empfohlen wegen möglicher Beeinflussung der fetalen Knochenentwicklung und Zahnverfärbung. Nur in lebensbedrohlichen Situationen ohne Alternative.

Stillzeit: nicht empfohlen.

Kinder unter 8 Jahren: kontraindiziert wegen Zahnverfärbung. Bei Jugendlichen über 8 Jahren ist die Anwendung nach individueller Abwägung möglich.

Lebererkrankungen: bei schwerer Leberinsuffizienz Dosisreduktion. Engmaschige Überwachung der Leberwerte.

Antibiotic Stewardship: Tigecyclin ist ein Reserveantibiotikum. Die Anwendung sollte nur erfolgen, wenn weniger toxische und besser etablierte Alternativen nicht möglich sind. Eine Resistenztestung ist Standard.

Patientenkommunikation: bei Patientinnen und Patienten in der Intensivmedizin oder mit komplexen Infektionen sind realistische Aufklärung über Therapiedauer, mögliche Nebenwirkungen und das Risiko erhöhter Mortalität wichtig. Die Entscheidung erfolgt oft im interdisziplinären Team aus Infektiologie, Intensivmedizin und Mikrobiologie.

Verwandte Wirkstoffe

Häufig gestellte Fragen

Wann wird Tigecyclin eingesetzt?

Tigecyclin ist ein Reserveantibiotikum bei komplizierten Haut , Weichgewebe und intraabdominellen Infektionen, vor allem wenn multiresistente Erreger im Spiel sind. Eine breite oder leichtfertige Anwendung wird wegen der Mortalitätsdaten vermieden.

Warum nur eingeschränkt bei Pneumonie?

Klinische Studien zeigten bei nosokomialer Pneumonie eine erhöhte Mortalität gegenüber Vergleichsantibiotika. Die Plasmaspiegel und die Gewebepenetration im Lungengewebe wurden als Ursache diskutiert. Daher wird Tigecyclin bei Pneumonie nur in Ausnahmefällen eingesetzt.

Wirkt Tigecyclin gegen MRSA?

Ja, Tigecyclin hat sehr gute Aktivität gegen MRSA. Bei komplizierten Haut und Weichgewebeinfektionen mit nachgewiesenem MRSA und Unverträglichkeit anderer Wirkstoffe ist Tigecyclin eine Option. In der Regel wird die Therapie nach Resistenztestung gewählt.

Welche Untersuchungen sind notwendig?

Vor Therapiebeginn Blutbild, Leberwerte, Pankreasenzyme, Resistenztestung. Im Verlauf Leberwerte und klinische Beurteilung. Bei plötzlichen Bauchschmerzen Pankreatitis ausschließen. INR Kontrolle bei gleichzeitiger Antikoagulation.

Quellen

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