Aztreonam: Monobactam Antibiotikum mit gramnegativer Wirkung
Aztreonam (Handelsnamen Azactam, Cayston) ist das einzige klinisch eingesetzte Antibiotikum aus der Klasse der Monobactame. Charakteristisch ist der monocyclische Beta Lactam Ring ohne weiteren Ringaufbau, der nur eine reine gramnegative Wirkung zur Folge hat. 1986 erstmals zugelassen, wird Aztreonam vor allem bei Infektionen mit aeroben gramnegativen Erregern eingesetzt, einschließlich Pseudomonas aeruginosa, Enterobakterien und Hämophilus influenzae.
Aztreonam ist eine wertvolle Option bei Patienten mit Penicillin oder Cephalosporin Allergie, da nur sehr selten Kreuzreaktionen auftreten. Die einzige bekannte Ausnahme ist eine partielle Kreuzreaktivität mit Ceftazidim aufgrund einer ähnlichen Seitenkette. Aztreonam wirkt nicht gegen grampositive Erreger und Anaerobier.
Wirkmechanismus
Aztreonam hemmt wie alle Beta Lactam Antibiotika das Penicillin Bindeprotein PBP 3, ein Enzym der bakteriellen Zellwandsynthese. PBP 3 ist für die Quervernetzung von Peptidoglycan in der wachsenden Bakterienzellwand essenziell. Wenn diese Quervernetzung gestört ist, wird die Zellwand instabil und die Bakterienzelle lysiert.
Die selektive Wirkung gegen gramnegative Erreger beruht darauf, dass Aztreonam nur an PBP 3 gramnegativer Bakterien mit hoher Affinität bindet. Das gramnegative PBP 3 unterscheidet sich strukturell von den entsprechenden Proteinen grampositiver Erreger, weshalb Staphylokokken, Streptokokken und Enterokokken durch Aztreonam nicht erfasst werden.
Aztreonam ist gegen viele Beta Lactamasen stabil, einschließlich AmpC, jedoch nicht gegen ESBL und Carbapenemasen. In einigen Schemata wird Aztreonam mit Beta Lactamase Inhibitoren wie Avibactam kombiniert, um das Spektrum auf ESBL und manche Carbapenemase Bildner zu erweitern.
Anwendungsgebiete
- Komplizierte Harnwegsinfekte: einschließlich akuter Pyelonephritis durch gramnegative Erreger
- Untere Atemwegsinfektionen: Pneumonien durch Pseudomonas, Hämophilus, Klebsiella
- Komplizierte Haut und Weichgewebeinfektionen: mit Beteiligung gramnegativer Erreger
- Septische Krankheitsbilder: in Kombination mit Wirkstoffen gegen grampositive Erreger und Anaerobier
- Gynäkologische Infektionen: bei nachgewiesenem gramnegativen Erreger
- Cystische Fibrose: Aztreonam zur Inhalation (Cayston) bei chronischer Pseudomonas Besiedelung
- Bei Penicillin oder Cephalosporin Allergie: als Alternative bei dokumentierter Allergie
Dosierung und Anwendung
Erwachsene parenteral: 1 bis 2 g intravenös oder intramuskulär alle 8 bis 12 Stunden, bei schweren Infektionen bis 8 g pro Tag.
Inhalative Anwendung bei Cystischer Fibrose (Cayston): 75 mg dreimal täglich über einen speziellen Vernebler, in Zyklen von 28 Tagen Therapie und 28 Tagen Pause.
Niereninsuffizienz: Dosisanpassung erforderlich; bei einer Kreatinin Clearance unter 30 ml/min Dosisreduktion auf 50 % des Normalwerts, bei Dialyse zusätzliche Gabe nach Dialyse.
Die intravenöse Gabe erfolgt als Kurzinfusion über 20 bis 60 Minuten oder als Bolus über 3 bis 5 Minuten.
Therapiedauer: meist 7 bis 14 Tage, abhängig von Indikation und klinischem Verlauf. Bei chronischer Inhalationstherapie individuelle Anpassung.
Nebenwirkungen
Häufig: Schmerzen oder Reizung an der Injektionsstelle, Hautausschlag, gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö), erhöhte Lebertransaminasen, Eosinophilie.
Gelegentlich: Thrombophlebitis, allergische Hautreaktionen, Pruritus, vaginale Candidose, Schwindel, Kopfschmerzen.
Selten und sehr selten: Anaphylaxie, Stevens Johnson Syndrom, antibiotikaassoziierte Kolitis durch Clostridioides difficile, Hepatitis, akute interstitielle Nephritis, Krampfanfälle bei sehr hohen Dosen.
Inhalative Therapie: Husten, pfeifendes Atemgeräusch, verstopfte Nase, Kratzen im Hals, Bronchospasmus. Vor der ersten Anwendung wird ein bronchialer Provokationstest empfohlen.
Wichtige Punkte:
- Im Gegensatz zu Penicillinen und Cephalosporinen ist die Kreuzallergie sehr selten
- Patienten mit dokumentierter Ceftazidim Allergie sollten Aztreonam mit Vorsicht erhalten, da partielle Kreuzreaktivität möglich
- Bei langer Therapie Selektion resistenter Erreger oder Pilzinfektionen möglich
Wechselwirkungen
- Probenecid und Furosemid: verminderte renale Ausscheidung von Aztreonam, Spiegel können steigen
- Antikoagulantien (Warfarin, Phenprocoumon): erhöhter Effekt durch Beeinflussung der Darmflora und Vitamin K Synthese, INR Kontrollen
- Aminoglykoside: oft kombiniert in Synergie gegen Pseudomonas; Inkompatibilität in der gleichen Infusionslösung beachten
- Clavulansäure: kann induktiv auf Beta Lactamasen wirken, in Kombination mit Aztreonam unerwünscht
- Chemotherapeutika: bei febriler Neutropenie häufig kombiniert
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Daten zur Anwendung in der Schwangerschaft sind begrenzt, Tierdaten zeigen keine Teratogenität. Wenn klinisch erforderlich, akzeptabel.
Stillzeit: Übertritt in die Milch in geringen Mengen, Stillen unter Therapie ist meist möglich, Beobachtung des Säuglings auf Diarrhö oder Pilzinfektion.
Allergische Reaktionen: trotz seltener Kreuzreaktivität sollte vor der Anwendung die Allergieanamnese sorgfältig erhoben werden. Bei jeder akuten allergischen Reaktion sofortiger Therapieabbruch und Notfallmaßnahmen.
Dauer der Anwendung: wie bei allen Antibiotika so kurz wie möglich, so lange wie nötig. Eine zu kurze Behandlung fördert Rezidive und Resistenzen, eine zu lange Behandlung Nebenwirkungen und Selektion.
Mukoviszidose Patienten: die inhalative Anwendung erfordert ein spezielles Vernebler System (Altera). Eine korrekte Anwendung ist Voraussetzung für die Wirksamkeit.
Resistenzen: ESBL und Carbapenemasen können Aztreonam abbauen. Die Empfindlichkeitstestung ist daher in Krankenhäusern Routine, vor allem bei nosokomialen und schwerkranken Patienten.
Verwandte Wirkstoffe
- Imipenem, breitwirksames Carbapenem
- Meropenem, weiteres Carbapenem mit zentralem Stellenwert
- Tazobactam, Beta Lactamase Inhibitor
- Sulbactam, weiterer Beta Lactamase Inhibitor
- Tigecyclin, Reserveantibiotikum bei multiresistenten Erregern
Häufig gestellte Fragen
Kann ich Aztreonam bei Penicillin Allergie erhalten?
In den meisten Fällen ja. Aztreonam zeigt nur sehr selten Kreuzreaktionen mit Penicillinen oder Cephalosporinen, weil die Seitenkette und die monocyclische Struktur unterscheidlich sind. Eine Ausnahme ist Ceftazidim, da hier eine ähnliche Seitenkette vorhanden ist. Trotzdem sollte die Allergieanamnese immer sorgfältig erhoben und im Zweifel allergologisch abgeklärt werden.
Wozu wird Aztreonam zur Inhalation verwendet?
Bei Cystischer Fibrose mit chronischer Besiedelung durch Pseudomonas aeruginosa. Die inhalative Anwendung erreicht hohe Wirkstoffspiegel direkt am Ort der Infektion in den Bronchien und reduziert systemische Nebenwirkungen. In 28 Tage Zyklen mit Wechsel zu Tobramycin oder Colistin lässt sich die Pseudomonas Last effektiv senken.
Wirkt Aztreonam gegen alle gramnegativen Bakterien?
Nein. Es wirkt gut gegen aerobe gramnegative Erreger wie E. coli, Klebsiella, Enterobacter, Pseudomonas, Hämophilus. Anaerobier wie Bacteroides werden nicht erfasst, ebenso wenig grampositive Erreger und atypische Bakterien. ESBL und Carbapenemase Bildner können resistent sein.
Wie wird die Therapie bei Niereninsuffizienz angepasst?
Aztreonam wird überwiegend renal ausgeschieden. Bei eingeschränkter Funktion wird die Dosis reduziert, bei einer GFR unter 30 ml/min auf etwa die Hälfte. Bei Dialysepatienten erfolgt eine zusätzliche Gabe nach der Dialyse, da Aztreonam dialysiert wird.
Quellen
- EMA Cayston (Aztreonam) EPAR
- BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF Leitlinien CF und Sepsis
- Gelbe Liste Aztreonam Wirkstoffprofil
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