Aflibercept: VEGF Trap bei AMD, DME und mCRC
Aflibercept ist ein rekombinantes Fusionsprotein aus humanen extrazellulären Domänen der VEGF Rezeptoren VEGFR1 und VEGFR2 sowie dem Fc Fragment von humanem IgG1. Der Wirkstoff fungiert als VEGF Trap, der VEGF A, VEGF B und Plazenta Wachstumsfaktor (PlGF) hochaffin bindet und neutralisiert. Durch die Hemmung der Angiogenese und Vasopermeabilität wird Aflibercept in zwei sehr unterschiedlichen Indikationsfeldern eingesetzt: in der Augenheilkunde (Eylea) und in der Onkologie (Zaltrap).
In der Augenheilkunde ist Aflibercept seit 2012 für die feuchte altersbezogene Makuladegeneration (nAMD) und seit 2015 für das diabetische Makulaödem (DME) sowie weitere retinale Erkrankungen zugelassen. In der Onkologie wird Aflibercept beim metastasierten Kolorektalkarzinom (mCRC) in Kombination mit FOLFIRI eingesetzt.
Wirkmechanismus
VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) ist ein Schlüsselfaktor der Angiogenese, der Bildung neuer Blutgefäße. Bei pathologischen Prozessen wie der nAMD oder beim Tumorwachstum wird VEGF überexprimiert und stimuliert die Neubildung undichter Gefäße sowie die Permeabilität bestehender Gefäße.
Aflibercept bindet als löslicher Fusionsrezeptor VEGF A, VEGF B und PlGF mit höherer Affinität als die natürlichen VEGF Rezeptoren. Dadurch wird die Bindung an zellgebundene Rezeptoren verhindert und die Signalkaskade unterbrochen. Klinisch resultieren:
- Reduktion der subretinalen Flüssigkeit und makulären Ödeme
- Stabilisierung oder Verbesserung der Sehschärfe
- In der Onkologie Antiangiogenese mit Verlangsamung des Tumorwachstums
Im Gegensatz zu Bevacizumab und Ranibizumab bindet Aflibercept zusätzlich VEGF B und PlGF, was theoretisch eine breitere Hemmung der Angiogenese ermöglicht.
Anwendungsgebiete
- Feuchte altersbezogene Makuladegeneration (nAMD)
- Diabetisches Makulaödem (DME)
- Makulaödem nach Verschluss retinaler Venen (BRVO, CRVO)
- Myope chorioidale Neovaskularisation
- Retinopathie der Frühgeburt (mit Eylea High Dose)
- Metastasiertes Kolorektalkarzinom (Zaltrap): in Kombination mit FOLFIRI nach Versagen einer Oxaliplatin basierten Therapie
Dosierung und Anwendung
Eylea (intravitreal): initial 2 mg (0,05 ml) intravitreal monatlich für 3 Injektionen, dann alle 2 Monate. Bei stabiler Erkrankung kann auf flexible Treat and Extend Schemata mit 8 bis 16 Wochen Intervallen umgestellt werden. Eylea HD (8 mg) erlaubt seit 2023 längere Intervalle.
Zaltrap (intravenös): 4 mg pro kg Körpergewicht intravenös über 1 Stunde alle 2 Wochen, in Kombination mit FOLFIRI Chemotherapie.
Intravitreale Anwendung: erfolgt im sterilen Setting in einer ophthalmologischen Praxis oder Klinik. Hautdesinfektion, Tropfanästhesie, Lid Spekulum, sterile Injektion durch die Pars plana mit feiner Kanüle.
Kontrollen nach Injektion: Augeninnendruck, Sehschärfe, Funduskopie. Patientinnen und Patienten werden über Symptome einer Endophthalmitis aufgeklärt (Sehverschlechterung, Schmerz, Rötung).
Nebenwirkungen
Intravitreal häufig: Bindehauteinblutung an der Injektionsstelle, Augenschmerz, Anstieg des Augeninnendrucks, Glaskörperabhebung, Sehstörungen, Konjunktivitis, Floaters.
Intravitreal selten: Endophthalmitis (lebensbedrohlich für das Auge), Netzhautablösung, traumatische Katarakt, schwerer Anstieg des Augeninnendrucks.
Systemisch (Zaltrap): Hypertonie, Proteinurie, Wundheilungsstörungen, Blutungen, gastrointestinale Perforation, Fistelbildung, posteriores reversibles Enzephalopathie Syndrom (PRES), arterielle thromboembolische Ereignisse, Müdigkeit, Diarrhö.
Wichtige Punkte:
- Endophthalmitis ist eine seltene, aber lebensbedrohliche Komplikation der intravitrealen Injektion. Patientinnen und Patienten müssen über Frühzeichen aufgeklärt sein
- Hypertonie unter systemischer Therapie regelmäßig kontrollieren
- Bei Operationen Therapie pausieren wegen Wundheilungsstörungen und Blutungsrisiko
- Schwangerschaftsverhütung während und nach Therapie
Wechselwirkungen
- Andere antiangiogenetische Substanzen (Bevacizumab, Ranibizumab): bei intravitrealer Anwendung Wechsel möglich, gleichzeitige Anwendung nicht etabliert
- Hochdosis Chemotherapie: additive Toxizität in der onkologischen Anwendung
- Antikoagulantien: erhöhtes Blutungsrisiko
- Lebendimpfungen: bei systemischer Anwendung kontraindiziert
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: kontraindiziert wegen teratogenen Potenzials. Sichere Verhütung während und mindestens 6 Monate nach Therapie.
Stillzeit: kontraindiziert.
Operationen: systemische Therapie mindestens 4 Wochen vor elektiven Eingriffen pausieren wegen Wundheilungsstörungen und Blutungsrisiko.
Hypertonie: regelmäßige Blutdruckkontrolle, antihypertensive Therapie ggf. anpassen.
Patientenaufklärung intravitreal: bei zunehmender Sehverschlechterung, Augenschmerz, Rötung oder Lichtempfindlichkeit nach Injektion sofort augenärztlich vorstellen, da Endophthalmitis ausgeschlossen werden muss.
Therapieerfolg: in der Augenheilkunde monatliche Kontrollen mit OCT (Optische Kohärenztomographie) und Visus, individuelle Anpassung der Injektionsintervalle. In der Onkologie Bildgebung alle 6 bis 12 Wochen.
Patientenkommunikation: realistische Aufklärung über die Notwendigkeit wiederholter Injektionen über lange Zeiträume bei chronischen retinalen Erkrankungen. Die Therapie kann die Erkrankung nicht heilen, aber den Sehverlust verlangsamen oder verhindern.
Verwandte Wirkstoffe
- Bimatoprost, Prostaglandin Analogon bei Glaukom
- Tafluprost, weiteres Prostaglandin Analogon bei Glaukom
- Regorafenib, oraler Multikinaseinhibitor
- Fruquintinib, hochselektiver VEGFR TKI
- Sotorasib, KRAS G12C Inhibitor
Häufig gestellte Fragen
Wie häufig muss ich zur Augenarztpraxis?
Bei nAMD oder DME erfolgen anfangs monatliche Injektionen, dann individuell angepasst alle 8 bis 16 Wochen je nach Krankheitsaktivität. Mit Eylea HD (8 mg) sind längere Intervalle möglich. Die regelmäßige Anwendung ist entscheidend für den Therapieerfolg.
Was ist eine Endophthalmitis?
Eine seltene, aber schwerwiegende intraokuläre Infektion nach Injektion mit Sehverschlechterung, Augenschmerz, Rötung und Photophobie. Sie tritt bei etwa 1 von 1.000 bis 5.000 Injektionen auf und erfordert sofortige antibiotische Therapie und ggf. Vitrektomie. Patientinnen und Patienten sollten Frühzeichen kennen und sofort die Klinik aufsuchen.
Heilt Aflibercept die Makuladegeneration?
Nein. Aflibercept verlangsamt das Fortschreiten und kann die Sehkraft stabilisieren oder verbessern, kann die Erkrankung aber nicht heilen. Eine fortlaufende Therapie ist meist erforderlich, um den erreichten Zustand zu halten. Bei Therapieabbruch ist eine erneute Verschlechterung wahrscheinlich.
Was unterscheidet Aflibercept von Ranibizumab?
Aflibercept bindet zusätzlich zu VEGF A auch VEGF B und PlGF, hat eine höhere Bindungsaffinität und ermöglicht in der Regel längere Injektionsintervalle. Ranibizumab ist ein Antikörperfragment, das nur VEGF A bindet. Beide Wirkstoffe sind klinisch wirksam; die Wahl hängt von Patientenfaktoren, Krankheitsverlauf und individueller Verträglichkeit ab.
Quellen
- EMA Eylea (Aflibercept) EPAR
- EMA Zaltrap (Aflibercept) EPAR
- BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- Gelbe Liste Aflibercept Wirkstoffprofil
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