Mexiletin: Klasse 1b Antiarrhythmikum bei Myotonie und Arrhythmien
Mexiletin (Handelsname Namuscla in der EU für Myotonie, Mexitil in einigen Ländern für Arrhythmien) ist ein orales Klasse 1b Antiarrhythmikum nach Vaughan Williams. Strukturell und pharmakologisch ähnelt der Wirkstoff dem Lokalanästhetikum Lidocain, ist aber im Unterschied zu Lidocain oral bioverfügbar und damit für die Langzeittherapie geeignet. Mexiletin wurde 1976 in Deutschland und in den USA als Antiarrhythmikum eingeführt.
2018 erhielt Namuscla die EU Zulassung für die symptomatische Behandlung der nicht dystrophen Myotonie bei Erwachsenen. Damit wurde Mexiletin zur ersten zugelassenen oralen Therapie dieser seltenen neuromuskulären Erkrankung. In den USA hat Mexiletin diese spezifische Indikation als Orphan Drug.
Wirkmechanismus
Mexiletin blockiert spannungsabhängige Natriumkanäle (vor allem Nav1.5 im Herzen, Nav1.4 in der Skelettmuskulatur) in der inaktivierten Form. Charakteristisch für Klasse 1b ist eine kurze Bindungsdauer mit minimaler Beeinflussung der Phase 0 des Aktionspotentials in normalen Zellen, jedoch deutlicher Wirkung in pathologisch depolarisierten oder ischämischen Geweben.
Im Herzen wirkt Mexiletin antiarrhythmisch durch Hemmung repetitiver Aktivierungen, vor allem in geschädigtem Myokard. In der Skelettmuskulatur reduziert die Hemmung der Natriumkanäle die nach Willkürbewegung anhaltende Übererregbarkeit, die für die Myotonie typisch ist. Die Folge ist eine spürbare Verbesserung der Myotoniesymptomatik mit reduzierter Steifheit und besserer Beweglichkeit.
Mexiletin wird hepatisch über CYP2D6 metabolisiert. Die Halbwertszeit beträgt 10 bis 12 Stunden, was eine zwei bis dreimal tägliche Einnahme erfordert.
Anwendungsgebiete
- Nicht dystrophe Myotonie: symptomatische Therapie bei Erwachsenen mit Myotonia congenita (Becker und Thomsen), Paramyotonia congenita, kaliumempfindliche Myotonie
- Ventrikuläre Arrhythmien: bei strukturell gesundem Herzen, vor allem bei Long QT Syndrom Typ 3 mit SCN5A Mutation
- Off Label: myotone Dystrophie, neuropathische Schmerzen (begrenzte Daten), Erythromelalgie
Dosierung und Einnahme
Nicht dystrophe Myotonie (Namuscla): Startdosis 167 mg einmal täglich, schrittweise Steigerung auf 167 mg dreimal täglich (entspricht 200 mg Mexiletin Hydrochlorid dreimal täglich). Maximaldosis nach klinischer Ansprache.
Ventrikuläre Arrhythmien: 200 bis 400 mg alle 8 Stunden, je nach klinischer Wirkung und Verträglichkeit.
Die Einnahme erfolgt zu den Mahlzeiten, um gastrointestinale Beschwerden zu reduzieren. Aufdosierung schrittweise über mehrere Tage.
Spiegelmonitoring: bei Risikopatienten oder Verdacht auf Toxizität. Therapeutischer Bereich 0,5 bis 2,0 mg pro Liter.
Niereninsuffizienz: in der Regel keine Dosisanpassung. Lebererkrankungen: verlängerte Halbwertszeit, Vorsicht und ggf. Dosisreduktion.
Nebenwirkungen
Häufig: gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Bauchschmerzen, Sodbrennen), Tremor, Schwindel, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Sehstörungen.
Gelegentlich: verwaschene Sprache, Konzentrationsstörungen, Hypotonie, Bradykardie, Hautausschlag, leicht erhöhte Lebertransaminasen.
Selten: Proarrhythmie mit ventrikulären Arrhythmien, Krampfanfälle, schwere Hautreaktionen (DRESS Syndrom, Stevens Johnson Syndrom), Hepatitis, Lungenfibrose.
Wichtige Punkte:
- Bei nicht dystropher Myotonie ist die Therapie meist gut verträglich, schwere Nebenwirkungen selten
- Vor Therapiebeginn EKG, Leberwerte, Schwangerschaftstest
- Bei Hautausschlag DRESS Syndrom ausschließen, Therapie sofort absetzen
- Bei strukturellen Herzerkrankungen Vorsicht und sorgfältige Indikationsstellung
Wechselwirkungen
- CYP2D6 Substrate (Codein, Trizyklika, Antipsychotika, andere Antiarrhythmika): Spiegelveränderungen, individuelle Beurteilung
- Andere Antiarrhythmika: additive Wirkung, Risiko für Proarrhythmie
- QT verlängernde Substanzen: theoretische Wechselwirkung, klinisch unter Mexiletin selten relevant
- Theophyllin: erhöhte Theophyllin Spiegel bei gleichzeitiger Therapie
- Phenytoin und Rifampicin: Spiegelabfall durch CYP Induktion
- Cimetidin: moderate Spiegelerhöhung
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: begrenzte Daten. Bei kindlicher fetaler Tachykardie wird Mexiletin gelegentlich mütterlich angewendet. Bei Myotonie individuelle Abwägung.
Stillzeit: Übergang in geringen Mengen, individuelle Beurteilung.
Kinder: Anwendung selten, in spezialisierten Zentren möglich.
Kontraindikationen: kardiogener Schock, AV Block 2. oder 3. Grades ohne Schrittmacher, sinuatrialer Block, schwere Bradykardie, manifeste Herzinsuffizienz, schwere Hypotonie, akute Porphyrie.
Kontrolltermine: EKG vor Beginn und in den ersten Wochen, dann alle 3 bis 6 Monate. Leberwerte und Blutbild regelmäßig. Bei Myotonie auch klinische Beurteilung der Symptomatik mit standardisierten Tests.
Patientenkommunikation: bei Myotonie bedeutet Mexiletin eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität für viele Betroffene. Realistische Erwartungen und Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen erhöhen die Therapietreue.
Verwandte Wirkstoffe
- Flecainide, Klasse 1c Antiarrhythmikum
- Propafenon, weiteres Klasse 1c
- Chinidin, Klasse 1a Antiarrhythmikum
- Lidocain, Klasse 1b Lokalanästhetikum mit ähnlichem Wirkprinzip
Häufig gestellte Fragen
Was ist eine nicht dystrophe Myotonie?
Eine seltene neuromuskuläre Erkrankung mit verzögerter Muskelerschlaffung nach Willkürbewegung. Im Gegensatz zur myotonen Dystrophie sind die Patientinnen und Patienten ansonsten muskulär gesund. Häufige Formen sind Myotonia congenita (Becker und Thomsen) und Paramyotonia congenita.
Wie schnell wirkt Mexiletin bei Myotonie?
Erste Effekte sind oft schon nach wenigen Tagen sichtbar, die volle Wirkung entwickelt sich über 2 bis 4 Wochen nach Aufdosierung. Patientinnen und Patienten berichten häufig über reduzierte Steifheit beim Bewegen, weniger Stürze und bessere Alltagsfunktion.
Welche Untersuchungen sind notwendig?
Vor Therapiebeginn EKG, Leberwerte, Blutbild, Schwangerschaftstest. Im Verlauf regelmäßige EKG Kontrollen, Beurteilung der Wirksamkeit und Verträglichkeit. Bei Hautausschlag oder neuen Symptomen ärztliche Abklärung.
Kann ich Mexiletin dauerhaft einnehmen?
Ja, bei Myotonie ist eine Langzeittherapie üblich. Die Therapie wird individuell angepasst, regelmäßige Reevaluationen sind sinnvoll. Bei stabilem Verlauf kann die Dosis manchmal reduziert werden, bei Verschlechterung erhöht.
Quellen
- EMA Namuscla (Mexiletin) EPAR
- BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF Leitlinien Neurologie und Kardiologie
- Gelbe Liste Mexiletin Wirkstoffprofil
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