Flucytosin: Pyrimidinanalogon in der Kombinationstherapie systemischer Mykosen

Flucytosin (5 Fluorocytosin, kurz 5 FC) ist ein synthetisches Antimykotikum aus der Klasse der Pyrimidinanaloga. Es wurde 1968 zugelassen und wird heute fast ausschließlich in Kombination mit anderen Antimykotika, insbesondere Amphotericin B, zur Behandlung lebensbedrohlicher systemischer Pilzinfektionen eingesetzt. Bekannte Handelsnamen sind Ancotil und Generika.

Die wichtigste Indikation ist die Kryptokokkenmeningitis, vor allem bei HIV positiven oder anderweitig immunsupprimierten Patientinnen und Patienten, wo die Kombination Amphotericin B plus Flucytosin als Induktion das Outcome deutlich verbessert. Aufgrund der raschen Resistenzentwicklung bei Monotherapie wird Flucytosin praktisch nie alleine eingesetzt.

Wirkmechanismus

Flucytosin ist ein selektives Antimykotikum, weil es gezielt in Pilzzellen aufgenommen und aktiviert wird. In der Pilzzelle wird Flucytosin durch das Enzym Cytosindeaminase zu 5 Fluorouracil (5 FU) konvertiert. Cytosindeaminase fehlt in Säugerzellen, was die Selektivität erklärt. Anschließend wird 5 FU weiter zu 5 Fluorouridintriphosphat phosphoryliert, das in die mykotische RNA eingebaut wird und die Proteinsynthese stört. Ein paralleler Stoffwechselweg führt zur Hemmung der Thymidylatsynthase und damit zur DNA Synthese Hemmung.

Diese duale Wirkung auf RNA und DNA Synthese führt zur Hemmung des Pilzwachstums (Cryptococcus neoformans, Candida species, einige andere Hefen). Filamentöse Pilze wie Aspergillus sind weitgehend unempfindlich. Die Wirkung ist konzentrations und zeitabhängig fungistatisch.

Pharmakokinetisch wird Flucytosin oral gut resorbiert (Bioverfügbarkeit etwa 80 Prozent), die orale Form ist allerdings in Deutschland nicht im Handel, nur die intravenöse Form. Halbwertszeit etwa 4 Stunden, Eliminierung renal in unveränderter Form, weshalb Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz essenziell ist. Die Substanz penetriert gut in den Liquor (60 bis 80 Prozent der Plasmakonzentration), was für die Kryptokokkenmeningitis Behandlung wichtig ist.

Anwendungsgebiete

  • Kryptokokkenmeningitis bei HIV positiven und immunsupprimierten Patientinnen und Patienten: in Kombination mit Amphotericin B als Induktion, dann Erhaltung mit Fluconazol
  • Systemische Candidiasis: in Kombination mit Amphotericin B oder Echinocandinen bei schweren Verläufen
  • Candida Endokarditis und Meningitis: als Kombinationspartner
  • Chromoblastomykose: orale Anwendung in einigen Ländern
  • Aspergillose und Mukormykose: nicht oder nur begrenzt wirksam

Dosierung und Anwendung

Standarddosis intravenös: 100 bis 150 mg/kg/Tag verteilt auf vier Einzeldosen alle 6 Stunden. Therapiedauer abhängig von Indikation und Verlauf, meist 1 bis 6 Wochen.

Bei Kryptokokkenmeningitis: 100 mg/kg/Tag als Induktion über 2 Wochen kombiniert mit Amphotericin B liposomal oder Deoxycholat, danach Erhaltung mit Fluconazol.

Niereninsuffizienz: obligatorische Dosisanpassung anhand Kreatinin Clearance, da Akkumulation zu Knochenmarktoxizität führt. Bei Hämodialyse zusätzliche Dosis nach Dialyse.

Therapeutisches Drug Monitoring (TDM): Talspiegel sollten 25 bis 50 mg/L liegen, Spitzenkonzentrationen unter 100 mg/L bleiben. Zu hohe Spiegel führen zu Knochenmarksuppression, zu niedrige zu Therapieversagen und Resistenzentwicklung.

Nebenwirkungen

Häufig: Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Bauchschmerzen, Hautausschlag, Anstieg der Lebertransaminasen, Photosensibilität.

Schwerwiegend: Knochenmarksuppression mit Neutropenie, Thrombozytopenie und Anämie (oft dosisabhängig und reversibel); Hepatotoxizität bis zur fulminanten Leberinsuffizienz; Nephrotoxizität (vor allem bei Akkumulation); Verschlechterung der Funktion entzündeter Darmschleimhaut, schwere Diarrhö und in Einzelfällen Colitis. Schwere Hautreaktionen wie Stevens Johnson Syndrom selten.

Wichtig: die Knochenmarksuppression ist die wichtigste Toxizität und kann lebensbedrohlich werden. Engmaschiges Blutbild Monitoring ist obligatorisch (mindestens 2 Mal pro Woche), Therapeutisches Drug Monitoring sollte nach Möglichkeit erfolgen, vor allem bei Niereninsuffizienz oder Komedikation mit anderen myelotoxischen Wirkstoffen.

Wechselwirkungen

  • Amphotericin B: synergistische antimykotische Wirkung (klinisch erwünschte Kombination), aber additive Nephrotoxizität mit Risiko der Flucytosin Akkumulation und Knochenmarksuppression
  • Andere myelotoxische Wirkstoffe (Zytostatika, Linezolid, Cotrimoxazol): additive Knochenmarksuppression
  • Cytosinarabinosid: kann Wirkung von Flucytosin antagonisieren
  • Antazida: reduzierte Resorption bei oraler Form
  • Andere nephrotoxische Wirkstoffe: additive Nephrotoxizität, dadurch Akkumulation von Flucytosin

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit: kontraindiziert. Flucytosin ist teratogen und mutagen, vor allem im ersten Trimester. Bei lebensbedrohlichen Mykosen erfolgt Risiko Nutzen Abwägung im interdisziplinären Team.

Vor Therapie: Blutbild, Lebertransaminasen, Kreatinin, Elektrolyte. Bei eGFR unter 50 ml/min Dosisanpassung, bei eGFR unter 20 ml/min besondere Vorsicht.

Monitoring während Therapie: Blutbild 2 Mal pro Woche, Lebertransaminasen wöchentlich, Kreatinin täglich bei Niereninsuffizienz oder Amphotericin B Komedikation. Therapeutisches Drug Monitoring Talspiegel 25 bis 50 mg/L.

Kombination obligat: Flucytosin sollte praktisch nie als Monotherapie verwendet werden, da Resistenzen schnell auftreten. Die Kombination mit Amphotericin B oder Fluconazol ist Standard.

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Häufig gestellte Fragen

Warum wird Flucytosin nur in Kombination eingesetzt?

Pilze entwickeln unter Flucytosin Monotherapie sehr rasch Resistenzen, oft schon innerhalb weniger Tage. Die Kombination mit Amphotericin B verhindert die Selektion resistenter Mutanten und führt zu synergistischer Wirkung gegen Cryptococcus neoformans und Candida Spezies. Diese Kombination ist Standard bei lebensbedrohlichen Pilzinfektionen.

Was ist eine Kryptokokkenmeningitis?

Die Kryptokokkenmeningitis ist eine schwere, lebensbedrohliche Infektion des Zentralnervensystems durch Cryptococcus neoformans, einen Hefepilz. Sie tritt vor allem bei stark immunsupprimierten Patientinnen und Patienten auf, klassisch bei HIV mit niedriger CD4 Zahl. Symptome sind Kopfschmerzen, Fieber, Verwirrtheit, Bewusstseinsstörung, Hirndruck Zeichen. Die Therapie besteht aus Induktion mit Amphotericin B plus Flucytosin über 2 Wochen, dann Konsolidation mit Fluconazol über 8 Wochen, dann Erhaltung mit Fluconazol bis zur Immunrekonstitution unter ART.

Warum ist Flucytosin so toxisch für das Knochenmark?

Flucytosin wird in der Pilzzelle zu 5 FU umgewandelt. In geringem Ausmaß findet diese Umwandlung auch durch Darmbakterien statt, sodass 5 FU systemisch verfügbar wird und die schnell teilenden Knochenmarkzellen schädigt. Bei Akkumulation durch Niereninsuffizienz oder ohne TDM steigen die Spiegel und damit die Toxizität deutlich. Engmaschige Spiegelkontrolle ist daher essenziell.

Welche Pilze werden nicht von Flucytosin abgedeckt?

Filamentöse Pilze wie Aspergillus, Mucorales (Rhizopus, Mucor), Fusarium und Scedosporium sind weitgehend unempfindlich gegen Flucytosin. Bei diesen Erregern werden Voriconazol, Posaconazol oder andere Triazole sowie liposomales Amphotericin B eingesetzt.

Quellen

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