Morphiumpflaster: Darreichungsformen für starke Opioide

Der Begriff Morphiumpflaster wird in der Umgangssprache häufig für transdermale Schmerzpflaster mit starken Opioiden verwendet. Pharmakologisch ist die Bezeichnung allerdings irreführend, weil Morphin selbst nicht als Pflaster zur Verfügung steht. Die in Deutschland zugelassenen transdermalen Schmerzpflaster enthalten andere Opioide, vor allem Fentanyl oder Buprenorphin. Diese Substanzen sind durch ihre chemischen Eigenschaften (Lipophilie, geringe Molekülgröße) zur transdermalen Resorption geeignet, während Morphin selbst nicht ausreichend durch die Haut aufgenommen wird.

Schmerzpflaster spielen eine wichtige Rolle in der Therapie chronischer Schmerzen, etwa bei Tumorschmerzen oder schweren chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen. Vorteile der Pflaster sind die kontinuierliche Wirkstofffreisetzung über mehrere Tage, die Vermeidung des First Pass Effekts und die einfache Anwendung bei Schluckstörungen. Die Anwendung erfordert sorgfältige Indikationsstellung, Schulung von Patient und Angehörigen sowie ärztliche Begleitung wegen des Suchtpotenzials und der relevanten Sicherheitsfragen.

Begriffsklärung

Wenn Patienten oder Angehörige nach einem Morphiumpflaster fragen, meinen sie meist ein Schmerzpflaster mit einem starken Opioid. In der ärztlichen Verschreibung und in den Apotheken werden die Wirkstoffe konkret benannt: Fentanyl Pflaster oder Buprenorphin Pflaster. Beide gehören zur WHO Stufe III der Schmerztherapie wie auch das orale oder parenterale Morphin, allerdings mit eigenen pharmakologischen Eigenschaften.

Morphin selbst steht in oraler Form (Tabletten retardiert oder unretardiert, Tropfen), in injizierbarer Form, als Suppositorium und als rückenmarksnah applizierbare Lösung zur Verfügung. Mehr Informationen zu Morphin finden Sie auf unserer Morphin Pillar Page.

Welche Wirkstoffe sind in Schmerzpflastern enthalten

Fentanyl Pflaster sind die in Deutschland am weitesten verbreitete Form transdermaler Opioidtherapie. Verfügbare Wirkstärken: 12, 25, 50, 75 und 100 Mikrogramm pro Stunde. Anwendungsdauer 72 Stunden, danach Wechsel an anderer Hautstelle. Fentanyl ist etwa 80 bis 100 mal stärker analgetisch wirksam als Morphin.

Buprenorphin Pflaster sind eine Alternative bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion oder leichteren chronischen Schmerzen. Verfügbare Wirkstärken: 5, 10 und 20 Mikrogramm pro Stunde (Anwendungsdauer 7 Tage) sowie 35, 52,5 und 70 Mikrogramm pro Stunde (Anwendungsdauer 96 Stunden). Buprenorphin ist ein Partialagonist am Mu Opioid Rezeptor und hat einen Ceiling Effekt für Atemdepression, was die Sicherheit verbessert.

Ausführliche Informationen zu beiden Substanzen finden Sie auf unseren Pillar Pages zu Fentanyl und Buprenorphin.

Anwendungsgebiete

  • Tumorschmerzen der WHO Stufe III, wenn orale Opioide nicht möglich oder ungeeignet sind (Schluckstörungen, Übelkeit, Erbrechen, Magen Darm Passagestörung)
  • Chronische nicht tumorbedingte Schmerzen nach Versagen anderer Therapien, sehr strenge Indikationsstellung gemäß S3 Leitlinie LONTS
  • Palliativsituation mit hohem Bedarf einer kontinuierlichen Opioidwirkung und reduzierter oraler Aufnahmemöglichkeit
  • Stabile Schmerzkonstellation: Pflaster eignen sich nicht für akute oder schwankende Schmerzen, weil Dosisanpassung verzögert wirkt

Pflaster sind ungeeignet für Akutschmerz, postoperativen Schmerz und für Patienten ohne Opioiderfahrung mit hohen Wirkstärken (Gefahr Atemdepression).

Dosierung und Anwendung

Fentanyl Pflaster: Beginn nach Umrechnung aus äquivalenter oraler Morphintagesdosis. Beispiel: 60 mg orales Morphin pro Tag entsprechen einem Fentanyl Pflaster 25 Mikrogramm pro Stunde. Anwendung 72 Stunden, danach Wechsel an anderer Hautstelle.

Buprenorphin Pflaster: Beginn mit niedriger Dosis, Steigerung nach Effekt. Wechsel je nach Pflaster nach 96 Stunden oder 7 Tagen.

Anbringung: auf trockener, intakter, unbehaarter Haut (Brust, Oberarm, Rücken, Oberschenkel). Vor dem Aufkleben gründlich reinigen ohne Seife, gut abtrocknen, nicht eincremen. Pflaster mindestens 30 Sekunden mit der Hand andrücken.

Pflasterwechsel: immer an anderer Hautstelle, alte Stelle erst nach mindestens 7 Tagen wieder verwenden. Altes Pflaster zusammenkleben (Klebeseite innen) und sicher entsorgen.

Bedarfsmedikation: bei Durchbruchschmerzen unretardiertes Opioid oral, sublingual oder bukkal nach ärztlicher Verschreibung.

Niereninsuffizienz: Fentanyl ist sicherer als Morphin bei Niereninsuffizienz. Buprenorphin gilt als gut verträglich bei eingeschränkter Nierenfunktion. Leberinsuffizienz: bei schwerer Beeinträchtigung Vorsicht und Dosisreduktion.

Wichtig: bei Fieber kann die Resorption deutlich ansteigen. Externe Wärmequellen (Heizdecke, Sonnenbäder, Sauna, heißes Bad) auf der Pflasterstelle vermeiden, um Überdosierungen mit Atemdepression zu verhindern.

Nebenwirkungen

Sehr häufig: Übelkeit (besonders zu Therapiebeginn), Verstopfung, Müdigkeit, Schwitzen, Schwindel, Kopfschmerzen, lokale Hautreaktionen unter dem Pflaster.

Häufig: Erbrechen, Mundtrockenheit, Appetitlosigkeit, Schlafstörung, Verwirrtheit, Stimmungsänderungen, Pruritus, Erythem.

Gelegentlich bis selten: Halluzinationen, Atemdepression (besonders bei Überdosierung oder Wärmeexposition), Bradykardie, Hypotonie, Krampfanfälle, Harnverhalt, schwere allergische Hautreaktionen.

Bei Langzeitanwendung: körperliche und psychische Abhängigkeit, Toleranzentwicklung, hormonelle Veränderungen (Hypogonadismus), Immunsuppression, Hyperalgesie. Beim Absetzen Entzugssymptome wie Unruhe, Schwitzen, Tachykardie, Übelkeit, Durchfall.

Notfall: bei Anzeichen einer Atemdepression (Schläfrigkeit, langsame Atmung, Zyanose) sofort 112 anrufen, Pflaster entfernen, Naloxon als Antidot vorbereiten. Bei Buprenorphin ist Naloxon weniger effektiv, höhere Dosen erforderlich.

Wechselwirkungen

  • Andere zentral dämpfende Substanzen (Benzodiazepine, Z Substanzen, Alkohol, andere Opioide, Antipsychotika): potenziell tödliche Atemdepression. Kombination mit Benzodiazepinen nur bei strenger Indikation.
  • CYP3A4 Inhibitoren (Ritonavir, Ketoconazol, Erythromycin, Grapefruitsaft): erhöhter Fentanyl Spiegel, Risiko Atemdepression.
  • CYP3A4 Induktoren (Rifampicin, Carbamazepin, Johanniskraut): reduzierte Wirkung, Schmerzdurchbrüche.
  • MAO Hemmer: Vorsicht, Serotoninsyndrom oder hyperadrenerge Reaktion möglich.
  • Naloxon: Antidot, bei Buprenorphin in höheren Dosen nötig.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: nur in strenger Indikation, weil Opioide das Neugeborene depressiv beeinflussen und beim Kind nach der Geburt Entzugssymptome auslösen können. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch. Stillen unter Opioidtherapie ist möglich, jedoch nur unter Beobachtung und ärztlicher Anleitung.

Kinder: Pflastertherapie nur in spezialisierten pädiatrischen Schmerzzentren oder Palliativsettings.

Sicherheit für Angehörige: verbrauchte Pflaster enthalten weiterhin viel Wirkstoff. Sicheres Verschließen und Entsorgen wichtig, da Kinder oder Tiere lebensgefährlich davon vergiftet werden können.

Vor Anwendung: ausführliche Aufklärung, Suchtanamnese, Komorbiditäten, Komedikation. Bei Einleitung einer Pflastertherapie genaue Schulung zur Anwendung.

Während der Therapie: regelmäßige Kontrolle der Schmerzintensität, Nebenwirkungen, kognitiven Funktion, hormonellen Parameter bei Langzeittherapie. Regelmäßige Therapieziele und Reevaluation.

Lebensstil: kein Alkohol, keine externen Wärmequellen auf der Pflasterstelle, ausreichende Flüssigkeit, gegebenenfalls Laxanzien gegen Verstopfung. Nicht abrupt absetzen.

Verkehrstüchtigkeit: Opioide beeinträchtigen Reaktionsfähigkeit. Bei stabiler Therapie und vom Arzt eingeschätzter Tauglichkeit kann Autofahren nach individueller Bewertung erlaubt sein, in der Einstellungsphase und bei Dosisänderungen jedoch nicht.

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Häufig gestellte Fragen

Warum gibt es kein Pflaster mit Morphin selbst?

Morphin ist hydrophil und hat eine hohe molekulare Polarität, sodass es nicht in ausreichender Menge durch die Haut aufgenommen wird. Daher gibt es keine etablierten Morphin Pflaster auf dem Markt. Lipophile, kleine Moleküle wie Fentanyl oder Buprenorphin lassen sich gut transdermal applizieren und werden deshalb in Pflasterform verwendet.

Wie schnell wirkt ein Schmerzpflaster?

Nach Anbringen eines Fentanyl Pflasters dauert es 12 bis 24 Stunden, bis ein wirksamer Plasmaspiegel erreicht ist. Daher ist beim Therapiebeginn meist eine Bedarfsmedikation mit unretardiertem Opioid notwendig. Buprenorphin Pflaster wirken etwas später. Für Akutschmerzen sind Pflaster ungeeignet, weil die Anflutung zu langsam ist.

Was tun, wenn das Pflaster sich ablöst?

Bei teilweiser Ablösung kann das Pflaster mit medizinischem Klebeband fixiert werden, sofern die Klebeseite intakt ist. Bei vollständiger Ablösung sollte ein neues Pflaster angebracht werden, wobei die zuletzt geplante Wechselzeit eingehalten wird. Bei wiederholter Ablösung Hautstelle und Reinigungsmethode überprüfen.

Warum ist Wärme auf dem Pflaster gefährlich?

Wärme erhöht die Hautdurchblutung und steigert die Resorption des Opioids. Daraus kann eine Überdosierung mit lebensbedrohlicher Atemdepression resultieren. Daher dürfen weder Heizdecken, Sonnenbänke, Sauna, heiße Bäder noch direkte Sonne auf die Pflasterstelle einwirken. Auch Fieber kann die Resorption verstärken und sollte ärztlich beobachtet werden.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Eine Therapie mit Opioidpflastern erfordert ärztliche Verordnung, sorgfältige Indikationsstellung und engmaschige Überwachung. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen, maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.