Phenylephrin: Selektives Alpha 1 Sympathomimetikum bei Schnupfen, Hypotonie und Mydriasis

Phenylephrin ist ein synthetisches direktes Sympathomimetikum mit hoher Selektivität für den Alpha 1 Adrenozeptor. Klinisch begegnet es in drei sehr unterschiedlichen Welten. In Erkältungskombipräparaten dient es als orales abschwellendes Mittel, in der Anästhesie wird es intravenös als Vasopressor zur Behandlung der peripheren Hypotonie eingesetzt, und in der Augenheilkunde wird es topisch zur Pupillenerweiterung vor Untersuchungen oder Eingriffen genutzt. Verbreitete Handelsnamen sind unter anderem Wick MediNait, Doregrippin, Visadron und Neo Synephrine.

Im Jahr 2023 hat das beratende Komitee der US Arzneimittelbehörde FDA einstimmig festgestellt, dass orales Phenylephrin in den zugelassenen Dosierungen nicht besser wirkt als Placebo zur Schleimhautabschwellung. Diese Einschätzung ist auch für Europa relevant, betrifft aber nicht die intravenöse oder topisch nasale Anwendung. Patienten und Apotheker sollten den Befund kennen, da viele Erkältungskombipräparate weiterhin Phenylephrin enthalten.

Wirkmechanismus

Phenylephrin bindet selektiv und mit hoher Affinität an postsynaptische Alpha 1 Adrenozeptoren. Diese Rezeptoren sind G Protein gekoppelt (Gq) und aktivieren die Phospholipase C, was zu einem Anstieg von Inositoltriphosphat und Calcium in der Zelle führt. Folge ist eine Kontraktion der glatten Gefäßmuskulatur.

Die wichtigsten Effekte sind eine Vasokonstriktion in arteriellen und venösen Gefäßen, ein Anstieg des systemischen Gefäßwiderstands und in der Folge des arteriellen Mitteldrucks. Reflektorisch kann eine Bradykardie über den Barorezeptorreflex auftreten. Auf die Nasenschleimhaut wirkt Phenylephrin lokal abschwellend, indem es die submukösen Gefäße verengt. Bei oraler Gabe wird Phenylephrin zu einem hohen Anteil bereits in der Darmwand und Leber abgebaut (First Pass Effekt von etwa 65 Prozent), die systemische Bioverfügbarkeit liegt bei nur rund 38 Prozent. Diese pharmakokinetische Schwäche erklärt, warum die orale Wirksamkeit in Studien begrenzt ist.

Im Gegensatz zu Adrenalin oder Noradrenalin hat Phenylephrin keine relevante Beta Aktivität, es führt also nicht zu Tachykardie, Bronchodilatation oder kardialer Inotropiesteigerung.

Anwendungsgebiete

  • Anästhesie: Behandlung der intra und postoperativen Hypotonie, vor allem nach Spinal und Periduralanästhesie; Mittel der Wahl bei sectio caesarea unter Spinalanästhesie
  • Augenheilkunde: Mydriasis (Pupillenerweiterung) vor Funduskopie, Kataraktchirurgie oder Laser Eingriffen
  • Topisch nasal: abschwellende Nasentropfen und Sprays bei akutem Schnupfen, allergischer Rhinitis
  • Oral in Kombipräparaten: abschwellender Wirkanteil in Erkältungsmitteln; kritische Wirksamkeitsbewertung beachten
  • Selten priapismusartige Erektion: intrakavernöse Anwendung als Notfalltherapie unter ärztlicher Aufsicht

Dosierung und Einnahme

Intravenöse Anwendung in der Anästhesie: Bolus 50 bis 200 Mikrogramm, anschließend Dauerinfusion von 25 bis 100 Mikrogramm pro Minute, Titration nach mittlerem arteriellen Druck. Augentropfen: 2,5 oder 10 Prozent Lösung, ein bis zwei Tropfen 30 bis 60 Minuten vor der Untersuchung; bei Kindern, Älteren und kardialen Vorerkrankungen nur 2,5 Prozent verwenden.

Nasal topisch: 0,25 bis 0,5 Prozent Lösung, ein Sprühstoß pro Nasenloch alle 4 Stunden, maximal sieben Tage zur Vermeidung der Rhinitis medicamentosa. Oral: 10 mg alle 4 Stunden bei Erwachsenen, maximal 60 mg pro Tag; Wirksamkeit umstritten, Nutzen Risiko Abwägung beachten.

Nebenwirkungen

Häufig: reflektorische Bradykardie, Blutdruckanstieg, Kopfschmerzen, Unruhe, Schlafstörungen bei oraler Gabe, lokales Brennen bei Nasentropfen.

Gelegentlich bis selten: hypertensive Entgleisung, Reflexbradykardie mit AV Block, Angina pectoris, Lungenödem bei Überdosierung, Mydriasis und akutes Engwinkelglaukom bei Augentropfen, Rebound Schwellung der Nase nach längerer topischer Anwendung (Rhinitis medicamentosa), Harnverhalt bei Männern mit Prostatahyperplasie.

Wichtig: Bei Patienten mit unkontrolliertem Bluthochdruck, schwerer Koronarer Herzkrankheit, Aortenstenose, ausgeprägter Hyperthyreose oder Phäochromozytom ist die systemische Anwendung kontraindiziert.

Wechselwirkungen

  • Monoaminoxidase Hemmer (Tranylcypromin, Moclobemid): hypertensive Krise, Kombination kontraindiziert; mindestens 14 Tage Karenz
  • Trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin): verstärkte Vasokonstriktion und Tachykardie
  • Betablocker, vor allem nicht selektive (Propranolol): ungebremste Alpha Wirkung, hypertensive Reaktion
  • Volatile Inhalationsanästhetika (Halothan, Sevofluran): erhöhtes Arrhythmierisiko
  • Mutterkornalkaloide (Ergotamin): additive Vasokonstriktion mit Ischämierisiko
  • Methylphenidat, Atomoxetin: additive Sympathomimese

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: systemische Anwendung nur nach strenger Indikationsstellung, da uteroplazentare Durchblutung vermindert sein kann. In der Anästhesie bei Sectio gilt Phenylephrin als Mittel der Wahl gegen mütterliche Hypotonie. Stillzeit: Daten begrenzt, kurze Anwendungen werden nicht als kritisch bewertet.

Topische Anwendung am Auge: die 10 Prozent Lösung kann den Blutdruck deutlich erhöhen, besonders bei Säuglingen, Älteren und Patienten mit Herz Kreislauf Erkrankungen. Bei diesen Risikogruppen sollte die 2,5 Prozent Lösung verwendet werden.

Rhinitis medicamentosa: abschwellende Nasensprays sollten nicht länger als sieben Tage am Stück angewendet werden, sonst droht eine reaktive Schleimhautschwellung mit chronischer Verstopfung der Nase. Patienten benötigen oft Wochen, um sich davon zu erholen.

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Häufig gestellte Fragen

Wirkt orales Phenylephrin gegen Schnupfen wirklich?

Aktuelle systematische Übersichten und das US FDA Komitee von 2023 kommen zu dem Schluss, dass orales Phenylephrin in den zugelassenen Dosierungen die nasale Verstopfung nicht besser lindert als Placebo. Die topische und intravenöse Anwendung ist davon nicht betroffen. Wer Hilfe bei akutem Schnupfen sucht, profitiert eher von topischen abschwellenden Sprays mit Xylometazolin oder Oxymetazolin (maximal sieben Tage), Salzwasser Spülungen oder oralem Pseudoephedrin.

Warum bekomme ich nach Phenylephrin Augentropfen so große Pupillen?

Phenylephrin aktiviert den Alpha 1 Rezeptor am Musculus dilatator pupillae und führt damit zur Mydriasis. Augenärzte nutzen diesen Effekt, um den Augenhintergrund besser beurteilen oder eine Katarakt Operation durchführen zu können. Die Wirkung hält je nach Konzentration mehrere Stunden an, in dieser Zeit ist die Sehschärfe in der Nähe deutlich reduziert und die Blendempfindlichkeit erhöht. Eine Sonnenbrille hilft, das Autofahren ist nicht möglich.

Warum ist Phenylephrin bei Hochdruck gefährlich?

Phenylephrin verengt die Blutgefäße und steigert den systemischen Druck. Bei vorbestehendem unbehandelten Bluthochdruck kann dieser Effekt eine hypertensive Krise auslösen. Auch Patienten mit Aortenstenose, koronarer Herzkrankheit oder Phäochromozytom sind gefährdet. Vor Verordnung sollte die Blutdruckanamnese geklärt sein.

Darf ich Phenylephrin in der Schwangerschaft nehmen?

Topisch und kurzfristig gilt Phenylephrin in der Schwangerschaft als vertretbar, wenn nichtmedikamentöse Maßnahmen wie Inhalation oder Nasenspülung nicht ausreichen. Systemisch oder oral sollte die Anwendung nur nach strenger Indikationsstellung erfolgen. In der Geburtshilfe ist Phenylephrin intravenös das Mittel erster Wahl bei Hypotonie unter Spinalanästhesie zur Sectio.

Quellen

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