Reserpin: Pflanzliches Rauwolfia Alkaloid
Reserpin ist ein Indol Alkaloid aus der Wurzel von Rauwolfia serpentina, einem indischen Strauch, dessen Anwendung in der ayurvedischen Medizin Jahrtausende zurückreicht. 1952 wurde Reserpin erstmals als reine Substanz isoliert und galt in den 1950er und 1960er Jahren als bahnbrechendes Antihypertensivum. Auch in der psychiatrischen Geschichtsschreibung hat Reserpin Bedeutung: es war einer der ersten Wirkstoffe mit antipsychotischen Eigenschaften und prägte die Erforschung biogener Amine im ZNS.
Heute ist Reserpin in Deutschland nur noch als Bestandteil weniger Kombinationspräparate gegen Bluthochdruck im Handel und wird wegen seines ungünstigen Nebenwirkungsprofils kaum noch eingesetzt. In manchen Ländern, vor allem in Asien, wird der Wirkstoff weiterhin verwendet. In der Forschung dient Reserpin als pharmakologisches Werkzeug für die Untersuchung monoaminerger Systeme und als Tiermodell für Depression und Parkinson.
Wirkmechanismus
Reserpin hemmt irreversibel den vesikulären Monoamin Transporter 2 (VMAT 2), der Noradrenalin, Dopamin, Serotonin und in geringerem Maße Histamin in synaptische Vesikel transportiert. Wenn die Speicherung in Vesikeln blockiert ist, werden die Monoamine im Zytoplasma durch Monoaminoxidase (MAO) abgebaut. Folge ist eine Entleerung der präsynaptischen Speicher und ein Mangel an freisetzbaren Neurotransmittern.
Die Wirkung tritt langsam ein: Reserpin reichert sich in präsynaptischen Vesikeln an und entfaltet seine volle Wirkung erst nach mehreren Tagen bis Wochen. Auch das Wiederabklingen ist verzögert, da die Wirkung erst durch Synthese neuer Vesikel und Transporter aufgehoben wird.
Klinisch entstehen aus dieser Pharmakologie:
- Antihypertensiver Effekt durch reduzierte sympathische Tonus und verminderte Katecholaminfreisetzung
- Antipsychotische Wirkung durch reduzierte dopaminerge Neurotransmission
- Sedierende und stimmungsverändernde Effekte
- Charakteristische Auslösung depressiver Symptome bei prädisponierten Patienten
Anwendungsgebiete
- Arterielle Hypertonie: historisch relevante Indikation, heute Reservetherapie, meist nur noch in fixer Kombination mit Diuretika und Dihydralazin in Briserin oder ähnlichen Präparaten
- Symptomatische Behandlung schwerer therapieresistenter Schizophrenie: in seltenen Fällen Off Label, da modernere Antipsychotika fast immer überlegen sind
- Bewegungsstörungen: Tardive Dyskinesien, Tic Störungen Off Label
- Pharmakologisches Werkzeug in der Forschung: Modell für Parkinson und Depression im Tierversuch
In der Praxis wird Reserpin in Deutschland heute nur noch selten verschrieben und meist im Rahmen historischer Kombinationspräparate weiterverwendet, wenn ein Patient seit Jahrzehnten gut darauf eingestellt ist und ein Wechsel nicht sinnvoll erscheint.
Dosierung und Einnahme
Antihypertensive Therapie: 0,1 bis 0,25 mg täglich als Einzeldosis. Maximaldosis: 0,5 mg pro Tag, in Ausnahmefällen, mit deutlich erhöhtem Nebenwirkungsrisiko.
In Kombinationspräparaten: oft 0,1 mg Reserpin in Kombination mit Diuretikum (Hydrochlorothiazid) und Dihydralazin.
Die Einnahme erfolgt morgens, möglichst zu einer Mahlzeit, um gastrointestinale Beschwerden zu reduzieren. Die volle Wirkung tritt erst nach Tagen bis Wochen ein, weshalb keine raschen Dosisanpassungen sinnvoll sind.
Nebenwirkungen
Sehr häufig: Müdigkeit, Schläfrigkeit, depressive Verstimmung, Albträume, verstopfte Nase, Mundtrockenheit, Bradykardie, orthostatische Hypotonie.
Häufig: Bauchschmerzen, vermehrte Magensekretion (bis hin zu Ulzera), Diarrhö, sexuelle Funktionsstörungen, Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen.
Gelegentlich: ausgeprägte Depression mit Suizidalität, Parkinsonoid (extrapyramidale Symptome), Verwirrtheit, Bronchospasmus, allergische Hautreaktionen.
Selten: Hyperprolaktinämie mit Galaktorrhoe oder Gynäkomastie, Pankreatitis, Mammakarzinom (umstrittener Zusammenhang aus älteren Studien), agranulozytotische Reaktionen.
Wichtige Punkte:
- Die häufige depressive Verstimmung ist klassisches Lehrbuchphänomen und der Hauptgrund für die Verdrängung des Wirkstoffs
- Patientinnen und Patienten mit Depression in der Vorgeschichte sollten Reserpin nicht erhalten
- Bei plötzlich auftretender Suizidgedanken sofortige Therapiebeendigung und psychiatrische Vorstellung
- Magenulzera Risiko erfordert Vorsicht bei vorbestehender Ulkusanamnese
- Wegen der irreversiblen VMAT 2 Hemmung wirkt Reserpin auch nach Absetzen tagelang weiter
Wechselwirkungen
- MAO Hemmer: Risiko hypertensiver Krisen durch initiale Freisetzung der gespeicherten Monoamine, Kombination kontraindiziert; Mindestabstand 14 Tage
- Trizyklische Antidepressiva und SSRI: antagonistische Wirkung und erhöhtes Risiko hypertensiver Reaktionen
- Sympathomimetika (direkt wirkend, z. B. Adrenalin): verstärkte Wirkung durch Rezeptor Sensibilisierung
- Sympathomimetika (indirekt wirkend, z. B. Tyramin, Pseudoephedrin): abgeschwächte Wirkung, da keine Speicher mehr für Freisetzung
- Levodopa: Wirkungsverlust durch reduzierte dopaminerge Speicherung, Kombination meiden
- Andere Antihypertensiva: additive Blutdrucksenkung
- Alkohol: verstärkte Sedierung
- Digitalisglykoside: Bradykardie verstärkt
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: nur unter strenger Indikation, da Reserpin plazentagängig ist und beim Neugeborenen nasale Verstopfung, Trinkschwäche und Atemstörungen auslösen kann.
Stillzeit: Übergang in die Milch, Anwendung möglichst vermeiden.
Kontraindikationen: aktive Depression oder Suizidalität, Morbus Parkinson, peptisches Ulkus, schwere Niereninsuffizienz, Phäochromozytom, ausgeprägte Bradykardie oder Reizleitungsstörungen, Schwangerschaft im dritten Trimenon.
Ältere Patienten: erhöhte Empfindlichkeit, Risiko für orthostatische Hypotonie und Stürze. PRISCUS Liste stuft Reserpin als potentiell ungeeignet ein.
Therapieumstellung: bei Wechsel auf moderne Antihypertensiva sollte das Ausschleichen langsam erfolgen, da der nachwirkende Effekt zu unerwartet niedrigen Blutdruckwerten führen kann.
Notfallchirurgie: bei elektiven Eingriffen wird Reserpin idealerweise 1 bis 2 Wochen vorher pausiert, um intraoperative Kreislaufprobleme zu vermeiden. Bei Notfalleingriffen sollte das Anästhesieteam informiert werden.
Verwandte Wirkstoffe
- Clopidogrel als modernes kardiovaskuläres Schutzmittel
- Enalapril, ACE Hemmer als heutiges Standardantihypertensivum
- Propranolol, klassischer Betablocker
- Levodopa, Schlüsselwirkstoff bei Morbus Parkinson
Häufig gestellte Fragen
Warum wird Reserpin heute kaum noch verwendet?
Sicherere und besser verträgliche Antihypertensiva (ACE Hemmer, Sartane, Calciumkanalblocker, Betablocker) haben Reserpin verdrängt. Vor allem die Häufung depressiver Verstimmungen, die Auslösung eines Parkinsonoids und die schlecht steuerbare langsame Pharmakokinetik machen den Wirkstoff zur Reserve.
Kann Reserpin wirklich Depressionen auslösen?
Ja, das ist gut dokumentiert. Bis zu 10 % der Patienten entwickeln depressive Symptome, einige davon schwer. Die Beobachtungen aus den 1950er Jahren waren ein wichtiger Anstoß für die Monoamin Hypothese der Depression. Bei Patienten mit Depression in der Vorgeschichte ist Reserpin kontraindiziert.
Wie lange wirkt Reserpin nach Absetzen weiter?
Da Reserpin den VMAT 2 Transporter irreversibel hemmt, hält die Wirkung an, bis neue Vesikel und Transporter synthetisiert werden. Klinisch bedeutet das eine Restwirkung über Tage bis Wochen. Das ist beim Therapieumstellen und vor Operationen zu beachten.
Spielt Reserpin in der Forschung noch eine Rolle?
Ja. In der pharmakologischen Forschung wird Reserpin als Werkzeug eingesetzt, um die Rolle der Monoamine im ZNS zu untersuchen. Klassische Tiermodelle für Depression und Parkinson nutzen die Reserpin induzierte Entleerung der Speicher.
Quellen
- BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- EMA Europäische Arzneimittelagentur
- AWMF Leitlinie Hypertonie
- Gelbe Liste Reserpin Wirkstoffprofil
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