Brotizolam

Kurzwirksames Benzodiazepin bei Schlafstörungen

Brotizolam ist ein Thienodiazepin und gehört zur Gruppe der kurzwirksamen Benzodiazepine. Boehringer Ingelheim brachte die Substanz in den 1980er Jahren unter dem Handelsnamen Lendormin auf den Markt. In Deutschland ist Brotizolam ausschließlich rezeptpflichtig und in Tabletten à 0,25 mg erhältlich. Die Substanz unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz bei Verschreibung über die Grenzwerte hinaus, wird jedoch typischerweise als Privatrezept oder als BtM Rezept bei Bedarfsanwendung verordnet.

Brotizolam zeichnet sich durch einen raschen Wirkeintritt und eine relativ kurze Wirkdauer aus, was das Mittel besonders bei Einschlafstörungen nützlich macht. Gleichzeitig sind alle typischen Risiken der Benzodiazepinklasse präsent: Abhängigkeitsentwicklung innerhalb weniger Wochen, Toleranz, Entzugsproblematik bei abruptem Absetzen, kognitive Nebenwirkungen und Sturzrisiko bei älteren Patienten. Die aktuelle S3 Leitlinie Insomnie empfiehlt nichtmedikamentöse Behandlungen wie kognitive Verhaltenstherapie als Erstlinie und begrenzt den Einsatz von Benzodiazepinen auf kurze Krisenintervention.

Wirkmechanismus

Brotizolam bindet allosterisch an die Benzodiazepin Bindungsstelle des GABA A Rezeptors. Die Bindung verstärkt die hemmende Wirkung des Neurotransmitters γ Aminobuttersäure (GABA) am GABA A Rezeptor, der Chloridkanal öffnet sich häufiger, die Neuronenhyperpolarisation nimmt zu. Die Folge sind sedierende, hypnotische, anxiolytische, muskelrelaxierende und antikonvulsive Effekte.

Die hypnotische Wirkung setzt binnen 15 bis 30 Minuten nach Einnahme ein. Die Halbwertszeit liegt bei 3 bis 6 Stunden, die klinische Wirkdauer bei 6 bis 8 Stunden. Damit unterscheidet sich Brotizolam deutlich von langwirksamen Benzodiazepinen wie Diazepam (Halbwertszeit der aktiven Metaboliten bis 100 Stunden), der morgendliche Hangover Effekt ist deutlich geringer. Nicht ausgeschlossen sind Restmüdigkeit und kognitive Beeinträchtigung am Folgetag, besonders bei älteren Patienten und bei Kombination mit Alkohol oder anderen zentral dämpfenden Substanzen.

Die Metabolisierung erfolgt überwiegend hepatisch durch CYP3A4, die Elimination der Metaboliten renal. CYP3A4 Inhibitoren wie Ketoconazol, Clarithromycin und Grapefruitsaft erhöhen die Plasmaspiegel und damit die Wirkung und Nebenwirkungen, entsprechende Komedikation ist problematisch.

Anwendungsgebiete

  • Kurzzeittherapie von Einschlafstörungen im Rahmen einer Schlafstörung mit relevantem Leidensdruck
  • Einleitung eines erholsamen Schlafs bei akuten Belastungssituationen (Jetlag, Schichtarbeit, kurzfristige Krisen)
  • Schlafstörungen bei chronischen Erkrankungen als adjuvante kurzzeitige Maßnahme, immer in Kombination mit kognitiv verhaltenstherapeutischen Strategien

Brotizolam ist nicht zur Dauertherapie oder zur Behandlung psychiatrischer Grunderkrankungen wie Depression oder Angst indiziert. Für Angststörungen stehen andere Benzodiazepine oder Antidepressiva zur Verfügung, bei chronischen Schlafstörungen sind kognitive Verhaltenstherapie, Schlafhygieneschulung und melatonergene Substanzen die bevorzugten Optionen.

Dosierung und Einnahme

Erwachsene: 0,25 mg oral unmittelbar vor dem Schlafengehen. Bei unzureichender Wirkung kann die Dosis auf 0,5 mg erhöht werden, weitere Steigerung ist nicht üblich. Ältere Patienten über 65 Jahre: 0,125 mg (halbe Tablette) als Startdosis, vorsichtige Titration, erhöhtes Sturz und Delirrisiko beachten.

Die Einnahme sollte nur erfolgen, wenn mindestens 7 bis 8 Stunden ununterbrochener Schlaf möglich sind, um morgendliche Restmüdigkeit zu vermeiden. Kurz vor oder während des Essens reduziert die Nahrung die Resorption leicht, die hypnotische Wirkung kann verzögert eintreten.

Therapiedauer: möglichst kurz, idealerweise unter 2 Wochen, maximal 4 Wochen inklusive Ausschleichphase. Bei längerer Anwendung steigt das Abhängigkeitsrisiko deutlich. Eine begonnene Therapie sollte nicht abrupt beendet werden, sondern schrittweise über 1 bis 2 Wochen ausgeschlichen.

Niereninsuffizienz: bei leichter Einschränkung keine Anpassung, bei moderater bis schwerer Einschränkung niedrigere Dosis. Leberinsuffizienz: bei moderater bis schwerer Einschränkung kontraindiziert wegen verlangsamter Metabolisierung und verstärkter Sedierung.

Nebenwirkungen

Häufig: Müdigkeit am Folgetag, Schläfrigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Muskelschwäche, Ataxie, verschwommenes Sehen, verminderte Reaktionsfähigkeit, Konzentrationsstörungen.

Gelegentlich: paradoxe Reaktionen (Unruhe, Aggressivität, Albträume, Halluzinationen) besonders bei älteren Patienten und Kindern, anterograde Amnesie (Gedächtnislücken für Ereignisse nach der Einnahme), Depression, Libido Veränderungen, Rebound Insomnie nach Absetzen.

Selten bis sehr selten: paradoxe Enthemmung, komplexe Schlafverhalten (Schlafwandeln, Schlafessen, Autofahren im Schlaf), Atemdepression bei hohen Dosen oder Kombination mit anderen zentral dämpfenden Substanzen, allergische Reaktionen, Lebertransaminasen Erhöhung.

Abhängigkeit: nach mehrwöchiger Einnahme besteht die Gefahr einer physischen und psychischen Abhängigkeit. Der Entzug kann mit Schlaflosigkeit, Angst, Tremor, Schwitzen, Tachykardie und in schweren Fällen mit Krampfanfällen oder Delir einhergehen. Schrittweises Ausschleichen über 1 bis 2 Wochen ist Standard, bei längerer Einnahme kann eine mehrwöchige Dosisreduktion erforderlich sein.

Wechselwirkungen

  • Zentral dämpfende Substanzen (Alkohol, Opioide, Neuroleptika, andere Benzodiazepine, Antihistaminika der ersten Generation, Barbiturate): stark verstärkte Sedierung und Atemdepression, kombinierte Einnahme besonders mit Opioiden ist ein relevanter Todesrisikofaktor
  • Starke CYP3A4 Inhibitoren (Ketoconazol, Itraconazol, Voriconazol, Clarithromycin, Ritonavir): deutlich erhöhte Plasmaspiegel, Kombination möglichst meiden oder Dosis halbieren
  • CYP3A4 Induktoren (Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital, Johanniskraut): reduzierte Plasmaspiegel und Wirksamkeit
  • Grapefruitsaft: erhöht die Plasmaspiegel, während Therapie vermeiden
  • Muskelrelaxanzien: additive muskelentspannende Wirkung, Sturzrisiko

Besondere Hinweise

Kontraindikationen: bekannte Überempfindlichkeit, Myasthenia gravis, schwere respiratorische Insuffizienz, Schlafapnoe Syndrom, schwere Leberinsuffizienz, Engwinkelglaukom, Intoxikation mit Alkohol oder anderen zentral dämpfenden Substanzen, bekannte Abhängigkeitserkrankung (relativ), Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Priscus Liste: Brotizolam steht auf der Priscus Liste potentiell inadäquater Medikamente für ältere Patienten. Das Risiko für Stürze, kognitive Beeinträchtigung und Delir ist in dieser Gruppe erhöht. Bei älteren Schlafstörungspatienten sollten zuerst nichtmedikamentöse Maßnahmen und melatonerge Substanzen erwogen werden.

Schwangerschaft: im ersten Trimenon möglichst vermeiden, Hinweise auf ein gering erhöhtes Risiko für Lippen Kiefer Gaumenspalten bei Benzodiazepinen. Im dritten Trimenon besteht die Gefahr eines Floppy Infant Syndroms mit Muskelhypotonie, Sedierung, Trinkschwäche und Atemdepression des Neugeborenen. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch, Sedierung des Säuglings möglich, Stillen unter Therapie nicht empfohlen.

Fahrtüchtigkeit: am Folgetag nach Einnahme deutlich eingeschränkt, besonders bei Kombination mit Alkohol oder bei höheren Dosen. Mindestens 8 Stunden Schlaf nach Einnahme einplanen, bei Unsicherheit über die eigene Fahrtüchtigkeit nicht fahren. Im Zweifel Rücksprache mit dem Arzt halten.

Monitoring: klinische Verlaufsbeurteilung bei jeder Verordnung, Abhängigkeitsanamnese bei Risikopatienten. Bei Rezidiv oder chronischer Schlafstörung kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT I) als evidenzbasierte Erstlinie anbieten.

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Häufig gestellte Fragen

Wie schnell macht Brotizolam abhängig?

Physische und psychische Abhängigkeit können schon nach wenigen Wochen täglicher Einnahme entstehen. Deshalb ist die Therapie streng auf wenige Wochen begrenzt. Bei Risikopatienten (bekannte Abhängigkeitserkrankung, chronische Schmerzen mit Opioiden) ist besondere Vorsicht geboten. Die Entscheidung zur Verordnung fällt individuell.

Warum nicht einfach länger nehmen?

Längere Anwendung führt zu Toleranz, die schlafanstoßende Wirkung lässt nach und höhere Dosen werden nötig. Gleichzeitig wird der Entzug mit Absetzen schwieriger, Rebound Insomnie verstärkt die ursprüngliche Schlafstörung. Die S3 Leitlinie empfiehlt deshalb kognitive Verhaltenstherapie als langfristig effektive und nebenwirkungsarme Methode.

Kann ich am Morgen nach Einnahme Auto fahren?

Nur mit ausreichendem Abstand zur Einnahme (mindestens 8 Stunden Schlaf) und wenn keine Restmüdigkeit besteht. Bei älteren Patienten, höheren Dosen oder Kombination mit Alkohol ist Fahrtüchtigkeit oft länger eingeschränkt. Im Zweifel nicht fahren und Rücksprache mit dem Arzt halten.

Gibt es Alternativen zu Brotizolam?

Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT I) ist die evidenzbasierte Erstlinie bei chronischen Schlafstörungen. Für akute oder kurzzeitige Schlafstörungen können Melatonin, melatonerge Antidepressiva wie Agomelatin, niederpotente Neuroleptika wie Prothipendyl oder Antihistaminika der ersten Generation wie Diphenhydramin alternative Optionen sein, jeweils mit eigenem Nutzen Risiko Profil.

Quellen

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