Tyrothricin: Lokales Antibiotikum bei Halsschmerzen und Mundinfektionen
Tyrothricin ist ein Gemisch aus antibiotisch wirksamen Polypeptiden, das 1939 aus dem Bodenbakterium Bacillus brevis gewonnen wurde. Es besteht hauptsächlich aus Tyrocidinen (etwa 80 Prozent) und Gramicidinen (etwa 20 Prozent) und war eines der ersten klinisch eingesetzten Antibiotika überhaupt. Wegen seiner Toxizität bei systemischer Anwendung wird Tyrothricin ausschließlich lokal im Mund- und Rachenbereich eingesetzt.
Tyrothricin-haltige Lutschtabletten und Mundlösungen sind seit Jahrzehnten bewährte Mittel bei Halsschmerzen, Mundschleimhautentzündungen und leichten Infektionen des Oropharynx. Resistenzbildungen gegenüber Tyrothricin sind durch den lokalen Einsatz und den Wirkmechanismus sehr selten, was einen wichtigen Vorteil in Zeiten zunehmender Antibiotikaresistenzen darstellt.
Wirkmechanismus
Tyrocidine sind zyklische Decapeptide, die in die Zellmembran gramposiver Bakterien eingelagert werden, die Membranintegrität stören und zum Verlust des transmembranen Ionengradienten führen. Gramicidine sind lineare Pentadecapeptide, die Ionenkanäle in der Bakterienmembran bilden und dadurch einen unkontrollierten Ionenfluss verursachen, der zum Zelltod führt. Beide Komponenten wirken synergistisch bakterizid gegen grampositive Erreger, insbesondere Streptokokken, Staphylokokken und Pneumokokken. Gramnegative Bakterien sind durch ihre äußere Membranschicht weitgehend resistent.
Anwendungsgebiete
Tyrothricin ist indiziert zur symptomatischen Behandlung von leichten Infektionen und Entzündungen im Mund- und Rachenbereich: Pharyngitis, Tonsillitis (leichtere Formen), Stomatitis, Gingivitis und Aphten. Es ist als Zusatztherapie bei leichteren Halsschmerzen und Schluckbeschwerden geeignet, wenn keine systemische Antibiotikabehandlung erforderlich ist. Schwere Tonsillitis durch Streptokokken der Gruppe A erfordert eine systemische Antibiotikabehandlung; Tyrothricin allein ist hier nicht ausreichend.
Dosierung und Einnahme
Lutschtabletten: ein bis zwei Tabletten (je 1 mg Tyrothricin) alle zwei bis vier Stunden, maximal acht Tabletten täglich. Die Tablette soll langsam im Mund zergehen (nicht kauen), um einen ausreichend langen Kontakt mit der Mundschleimhaut zu gewährleisten. Nach der Anwendung sollte mindestens 30 Minuten nicht gegessen oder getrunken werden, um die lokale Wirkstoffkonzentration nicht zu verringern. Anwendungsdauer: bis zur Beschwerdefreiheit, in der Regel drei bis fünf Tage.
Nebenwirkungen
Tyrothricin wird lokal sehr gut vertragen. Gelegentlich werden leichte Brennen oder Kribbeln im Mund- und Rachenbereich berichtet, die rasch abklingen. Allergische Reaktionen auf Tyrothricin selbst sind sehr selten; häufiger sind Unverträglichkeiten gegenüber Hilfsstoffen der Tabletten (Süßungsmittel, Aromastoffe). Systemische Nebenwirkungen sind bei ausschließlich lokaler Anwendung nicht zu erwarten, da Tyrothricin bei oraler Einnahme nicht aus dem Magen-Darm-Trakt resorbiert wird.
Wechselwirkungen
Klinisch relevante Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind nicht bekannt. Da Tyrothricin ausschließlich lokal wirkt und nicht systemisch absorbiert wird, sind pharmakodynamische oder pharmakokinetische Interaktionen mit systemisch wirkenden Arzneimitteln nicht zu erwarten. Eine gleichzeitige systemische Antibiotikabehandlung ist bei schweren Infektionen möglich und wird durch Tyrothricin nicht beeinträchtigt.
Besondere Hinweise
Tyrothricin-Präparate für den Mund-Rachen-Bereich sind ohne Rezept erhältlich. Bei anhaltenden Halsschmerzen über mehr als fünf Tage, bei hohem Fieber oder bei Verschlechterung des Allgemeinbefindens sollte ärztlicher Rat eingeholt werden, da dann möglicherweise eine systemische Antibiotikabehandlung notwendig ist. Bei Kindern unter sechs Jahren sollte die Anwendung von Lutschtabletten wegen Aspirationsgefahr vermieden werden. In der Schwangerschaft und Stillzeit kann Tyrothricin nach aktuellem Wissensstand lokal angewendet werden, da keine systemische Resorption stattfindet.
Das könnte Sie auch interessieren
Häufig gestellte Fragen
Warum wird Tyrothricin nicht als systemisches Antibiotikum eingesetzt?
Tyrothricin ist für die systemische Anwendung zu toxisch, da es nicht nur Bakterienmembranen, sondern auch Säugetiermembranen angreift. Bei Injektion oder oraler Absorption würde es rote Blutkörperchen zerstören (Hämolyse) und Organe schädigen. Als lokal appliziertes Mittel, das nicht resorbiert wird, ist es dagegen sicher und wirksam.
Wie lange kann Tyrothricin bei Halsschmerzen angewendet werden?
Die Anwendungsdauer sollte auf fünf bis sieben Tage begrenzt werden. Bei anhaltenden oder sich verschlechternden Symptomen nach fünf Tagen ist eine ärztliche Untersuchung notwendig, um schwerwiegendere Ursachen oder eine systemische Infektion auszuschließen.
Warum entstehen so selten Resistenzen gegen Tyrothricin?
Tyrothricin greift direkt die bakterielle Zellmembran an und bildet Ionenkanäle. Da Bakterien ihre Membranphospholipide nicht einfach verändern können ohne ihre eigene Lebensfähigkeit zu gefährden, entwickeln sich Resistenzen gegen diesen Wirkmechanismus sehr schwer. Dieser membranaktive Wirkmechanismus wird auch für neue Antibiotika-Entwicklungen erforscht.
Quellen
- Fachinformation Tyrosur (Tyrothricin), aktueller Stand
- Wenzel M et al: Tyrothricin mechanisms of action. Biochim Biophys Acta 2022