Ampicillin
Aminopenicillin als Standard in der stationären Therapie
Ampicillin ist ein bakterizid wirkendes Breitspektrum Aminopenicillin, das 1961 von Beecham auf den Markt gebracht wurde und bis heute ein Standardantibiotikum in der stationären Medizin ist. Zugelassen sind parenterale Formen (intravenös und intramuskulär) sowie Kombinationspräparate mit Sulbactam (Unacid parenteral, Sultamicillin oral). Die orale Monotherapie mit Ampicillin ist in Deutschland weitgehend durch Amoxicillin ersetzt, das eine deutlich bessere Bioverfügbarkeit aufweist und dadurch besser gewebegängig ist.
In der Klinik ist Ampicillin weiterhin fester Bestandteil der kalkulierten Therapie bei Listeriose, bei Enterokokken Infektionen, bei der Neugeborenen Sepsis und bei der Endokarditis Therapie in Kombination mit Aminoglykosiden. Die intravenöse Anwendung in der Sepsistherapie und bei geburtshilflichen Infektionen ist ebenfalls weiter etabliert. Trotz zunehmender β Laktamase Resistenz behält Ampicillin in seinem spezifischen Wirkspektrum eine klare Nische.
Wirkmechanismus
Ampicillin bindet an Penicillin Binde Proteine (PBPs) in der bakteriellen Zellwand und hemmt die Transpeptidase, die die Peptidoglykan Quervernetzung katalysiert. Die Zellwand verliert ihre Stabilität, osmotischer Druck führt zur Lyse der Bakterien. Die Wirkung ist bakterizid und bevorzugt in der Proliferationsphase der Erreger.
Das Wirkspektrum umfasst grampositive Kokken (Streptokokken, Enterokokken, einige Staphylokokken), grampositive Stäbchen (Listeria monocytogenes), gramnegative Stäbchen (Escherichia coli ohne β Laktamase, Proteus mirabilis, Salmonellen, Shigellen, Haemophilus influenzae ohne β Laktamase) und einige Anaerobier. Resistent sind Staphylokokken mit Penicillinase Bildung, Enterobacter, Klebsiella, Pseudomonas, Bacteroides fragilis, MRSA, ESBL Bildner und Intrazellulärkeime (Chlamydien, Mykoplasmen, Legionellen).
Die Halbwertszeit beträgt etwa 1 Stunde, die Ausscheidung erfolgt überwiegend renal unverändert. Bei schwerer Niereninsuffizienz verlängert sich die Halbwertszeit deutlich. Die Gewebekonzentrationen in Lunge, Galle, Liquor (bei Meningitis) und Prostata sind in therapeutischer Dosis ausreichend hoch. Ampicillin ist plazentagängig und erreicht den Fetus, das ist in der Behandlung geburtshilflicher Infektionen klinisch gewollt.
Anwendungsgebiete
- Listeriose einschließlich Listerienmeningitis und Neugeborenen Listeriose, in Kombination mit einem Aminoglykosid
- Enterokokken Endokarditis in Kombination mit Gentamicin oder Ceftriaxon (Hochdosis Ampicillin Ceftriaxon Regime)
- Neugeborenen Sepsis empirisch in Kombination mit einem Aminoglykosid
- B Streptokokken Prophylaxe in der Geburt bei besiedelten oder risikobehafteten Schwangeren
- Meningitis empirisch in der Neugeborenenzeit und bei älteren Menschen (zur Abdeckung von Listeria)
- Cholangitis und Peritonitis in Kombination mit Aminoglykosid oder Metronidazol
- Harnwegsinfekte bei Enterokokken oder Proteus mirabilis mit nachgewiesener Empfindlichkeit
- Typhus und Salmonellen Enteritiden bei empfindlichen Stämmen, heute meist durch Fluorchinolone oder Azithromycin ersetzt
Dosierung und Anwendung
Intravenös bei Erwachsenen: 4 bis 12 g pro Tag, verteilt auf 4 bis 6 Einzeldosen. Bei Endokarditis 12 g pro Tag, bei Listerienmeningitis 12 bis 18 g pro Tag. Einzeldosen werden als Kurzinfusion über 15 bis 30 Minuten verabreicht.
Neugeborene: 50 bis 100 mg pro kg pro Tag in 2 bis 4 Einzeldosen, bei Meningitis bis 300 mg pro kg pro Tag. Säuglinge und Kinder: 50 bis 100 mg pro kg pro Tag in 3 bis 4 Einzeldosen. Die pädiatrischen Dosen richten sich nach Alter, Gewicht und Infektionslokalisation.
Niereninsuffizienz: Dosisanpassung nach Kreatinin Clearance. Bei Kreatinin Clearance 30 bis 50 ml/min keine Anpassung, 10 bis 30 ml/min Dosisintervall auf 8 bis 12 Stunden verlängern, unter 10 ml/min auf 12 bis 24 Stunden. Bei Hämodialyse zusätzliche Gabe nach der Dialyse. Leberinsuffizienz: keine formale Dosisanpassung.
Die Rekonstitution der Trockensubstanz erfolgt mit Aqua ad injectionem oder isotoner Kochsalzlösung, die Lösung muss innerhalb einer Stunde verabreicht werden. Die intramuskuläre Injektion ist schmerzhaft und heute unüblich. Die intravenöse Bolusgabe soll über mindestens 3 Minuten erfolgen, um kardiovaskuläre Reaktionen und Schmerzen zu vermeiden.
Nebenwirkungen
Häufig: Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Hautausschlag, vaginale Candidose, Kopfschmerzen, Phlebitis an der Infusionsstelle.
Gelegentlich: allergische Reaktionen vom Soforttyp (Urtikaria, Angioödem, Anaphylaxie), pseudomembranöse Kolitis durch Clostridioides difficile, interstitielle Nephritis, Blutbildveränderungen (Eosinophilie, Thrombozytose, reversible Leukopenie).
Selten: Anaphylaktischer Schock, Stevens Johnson Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse, hämolytische Anämie, akute Hepatitis, Krampfanfälle bei hohen Dosen und schwerer Niereninsuffizienz.
Epstein Barr Virus Infektion: Bei Patienten mit infektiöser Mononukleose tritt unter Ampicillin bei fast allen Betroffenen ein makulopapulöses Exanthem auf. Dieses ist keine echte Penicillinallergie, sollte jedoch dokumentiert werden. Die Empfehlung ist, Ampicillin bei unklaren Pharyngitiden mit Lymphadenitis nicht zu geben, bis eine EBV Infektion ausgeschlossen ist.
Wechselwirkungen
- Allopurinol: erhöhtes Risiko für Exantheme bei gleichzeitiger Anwendung
- Methotrexat: reduzierte renale Elimination von Methotrexat, Toxizitätsrisiko steigt
- Orale Antikoagulantien: INR Schwankungen möglich, engmaschige Kontrollen
- Probenecid: reduziert renale Elimination, erhöhte Plasmaspiegel Ampicillin
- Aminoglykoside: Kombination in derselben Infusionsleitung nicht empfehlenswert (Inaktivierung), Verabreichung getrennt
- Bakteriostatische Antibiotika (Tetracycline, Makrolide, Sulfonamide): können bakterizide Wirkung abschwächen
- Orale Kontrazeptiva: theoretische Wirkungsminderung klinisch umstritten, bei Durchfall während Antibiose zusätzliche Barrieremethode
Besondere Hinweise
Penicillinallergie: bekannt Typ I Allergie gegen Penicilline ist Kontraindikation, Kreuzallergie zu Cephalosporinen bei schweren Soforttypreaktionen möglich. Ausführliche Anamnese vor Einsatz, bei Verdacht auf anaphylaktische Reaktion allergologische Abklärung.
Mononukleose: bei Verdacht auf infektiöse Mononukleose Ampicillin vermeiden, erst EBV Serologie abwarten, da das spezifische Exanthem bei über 70 Prozent der Betroffenen auftritt und fälschlich als Allergie interpretiert wird.
Natriumgehalt: Ampicillin wird als Natriumsalz verabreicht. Eine Tagesdosis von 12 g enthält etwa 36 mmol Natrium, was bei Patienten mit Herzinsuffizienz, Hypertonie oder schwerer Niereninsuffizienz relevant ist.
Schwangerschaft: Ampicillin ist in der Schwangerschaft gut untersucht und eine Standardoption, etwa in der Geburtshilfe bei B Streptokokken Besiedlung oder Chorioamnionitis. Stillzeit: geringer Übergang in die Muttermilch, Stillen unter Therapie möglich, beim Säugling Durchfall oder Candidose möglich.
Monitoring: bei längerer intravenöser Therapie Nierenretentionswerte, Leberwerte, Blutbild, Elektrolyte. Bei Risikopatienten tägliche Visite und Abwägung der Therapiedauer. Frühzeitige Oralisierung (Sequenztherapie) auf Amoxicillin oder Sultamicillin wenn möglich.
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Häufig gestellte Fragen
Warum wird Ampicillin heute nicht mehr oft oral gegeben?
Die orale Bioverfügbarkeit liegt bei nur etwa 40 Prozent und ist nahrungsabhängig. Amoxicillin hat eine deutlich bessere Resorption von etwa 80 Prozent, höhere Plasmaspiegel und eine günstigere Dosierung. Deshalb wird bei ambulanten Infektionen überwiegend Amoxicillin eingesetzt, Ampicillin bleibt die intravenöse Standardoption im Krankenhaus.
Wofür ist Ampicillin unverzichtbar?
Bei Listeriose, bei Enterokokken Endokarditis und bei der Neugeborenen Sepsis bleibt Ampicillin der wesentliche Bestandteil der kalkulierten Therapie. Die intrinsische Resistenz vieler Cephalosporine gegen Enterokokken und Listeria macht Ampicillin hier alternativlos. Für diese Indikationen ist keine bessere Alternative verfügbar.
Warum das Ausschlagrisiko bei EBV Infektion?
Bei infektiöser Mononukleose liegt eine spezifische Interaktion zwischen viraler Immunantwort und Ampicillin vor, die bei über 70 Prozent der Patienten zu einem makulopapulösen Exanthem führt. Es handelt sich nicht um eine echte Soforttypallergie, der Ausschlag sollte jedoch korrekt zugeordnet werden. Bei unklarem Pharyngitisbild ist eine Serologie vor Antibiotikagabe sinnvoll.
Wie unterscheidet sich Ampicillin von Amoxicillin?
Beide sind Aminopenicilline mit fast identischem Wirkspektrum. Amoxicillin ist die bessere orale Form, Ampicillin die stärkere intravenöse Form. Bei intravenöser Gabe erreichen beide vergleichbare Gewebespiegel, im stationären Alltag wird Ampicillin wegen besserer Verfügbarkeit von Trockenampullen und günstigeren Kosten bevorzugt.
Quellen
- EMA, Europäische Arzneimittel-Agentur
- AWMF, S3 Leitlinie Endokarditis und Meningitis
- Gelbe Liste, Ampicillin Wirkstoffprofil
- Paul Ehrlich Gesellschaft für Chemotherapie
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