Antibiotic Stewardship (ABS)
Definition
Antibiotic Stewardship bezeichnet ein Bündel abgestimmter Maßnahmen, mit denen die Anwendung von Antibiotika verbessert werden soll. Ziel ist es, für jede Behandlung die richtige Substanz in der richtigen Dosis über den richtigen Zeitraum und auf dem richtigen Weg einzusetzen.
Der Zweck ist doppelt: bessere Behandlungsergebnisse für die einzelne Person und zugleich weniger Selektionsdruck auf multiresistente Erreger. Beides hängt zusammen, denn eine unnötig breite oder unnötig lange Therapie nützt niemandem und schadet der Resistenzlage.
Der Begriff wird häufig auf Sparen verkürzt, das trifft die Sache nicht. In manchen Situationen führt das Vorgehen dazu, dass früher, höher dosiert oder breiter begonnen wird, etwa bei einer Sepsis. Entscheidend ist die Angemessenheit, nicht die Menge.
Rechtliche Grundlagen
Nach § 23 Absatz 4 Infektionsschutzgesetz sind Krankenhäuser und bestimmte weitere Einrichtungen verpflichtet, Art und Umfang des Antibiotikaverbrauchs fortlaufend aufzuzeichnen, zu bewerten und daraus Anpassungen abzuleiten.
Zugleich sind die lokalen Resistenzdaten zu erfassen und dem Personal zugänglich zu machen. Auf dieser Grundlage entstehen hausinterne Empfehlungen für die kalkulierte Ersttherapie.
Die Landeshygieneverordnungen regeln die personellen Anforderungen näher, etwa die Bestellung von Fachpersonal mit entsprechender Qualifikation.
Auf Bundesebene bündelt die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie die Maßnahmen. Die Surveillance des Verbrauchs und der Resistenzlage erfolgt über die entsprechenden Systeme am Robert Koch-Institut.
Bedeutung in der Praxis
Vier Fragen strukturieren jede Antibiotikaentscheidung:
- Ist überhaupt eine Antibiotikatherapie erforderlich?
- Welche Substanz ist nach vermutetem Erreger und lokaler Resistenzlage geeignet?
- Welche Dosis und welcher Verabreichungsweg sind richtig?
- Wie lange soll behandelt werden?
Vor Beginn sollten nach Möglichkeit mikrobiologische Proben abgenommen werden. Wird erst behandelt und dann untersucht, ist der Erregernachweis oft nicht mehr möglich, und die Therapie bleibt dauerhaft auf Verdacht gestützt.
Nach 48 bis 72 Stunden erfolgt eine Neubewertung. Liegt inzwischen ein Erregernachweis mit Empfindlichkeitsprüfung vor, wird von der breiten kalkulierten Therapie auf ein möglichst schmales Mittel umgestellt. Dieser Schritt heißt Deeskalation und ist das Kernelement.
Ein zweiter wirksamer Hebel ist die Umstellung von der intravenösen auf die orale Gabe, sobald der Zustand es zulässt. Sie verkürzt die Liegedauer und vermeidet katheterassoziierte Komplikationen.
Auch die Therapiedauer ist ein Ansatzpunkt. Für viele Indikationen belegen Studien, dass kürzere Behandlungszeiträume gleich wirksam sind wie die früher üblichen längeren. Die häufig gehörte Regel, eine Packung immer aufzubrauchen, gilt in dieser Allgemeinheit nicht mehr und ist durch die ärztlich festgelegte Dauer ersetzt.
Im ambulanten Bereich liegt der größte Hebel bei Atemwegsinfekten. Ein erheblicher Teil davon ist viral bedingt, sodass Antibiotika keinen Nutzen bringen. Verzögerte Verordnungen, bei denen ein Rezept nur bei ausbleibender Besserung eingelöst wird, haben sich hier als wirksam erwiesen.
Abgrenzung und verwandte Begriffe
Die Hygiene verhindert die Übertragung von Erregern. Antibiotic Stewardship beeinflusst den Selektionsdruck. Beides ergänzt sich und ersetzt einander nicht.
Die Impfprävention senkt die Zahl der Infektionen und damit indirekt den Antibiotikaverbrauch.
Die Resistenzsurveillance misst die Resistenzlage. Sie ist Voraussetzung, aber selbst keine Maßnahme.
Verwandte Begriffe: multiresistente Erreger, nosokomiale Infektion, KRINKO.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist das Ziel von Antibiotic Stewardship? Für jede Behandlung die richtige Substanz in der richtigen Dosis über den richtigen Zeitraum einzusetzen. Das verbessert die Behandlungsergebnisse und senkt zugleich den Selektionsdruck auf resistente Erreger.
Bedeutet das weniger Antibiotika? Nicht zwangsläufig. In manchen Situationen wird früher, höher dosiert oder breiter begonnen, etwa bei einer Sepsis. Entscheidend ist die Angemessenheit, nicht die Menge.
Was bedeutet Deeskalation? Die Umstellung von einer breiten kalkulierten Ersttherapie auf ein möglichst schmales Mittel, sobald ein Erregernachweis mit Empfindlichkeitsprüfung vorliegt. Der Schritt erfolgt üblicherweise nach 48 bis 72 Stunden.
Muss man die Antibiotikapackung immer aufbrauchen? Diese Regel gilt in dieser Allgemeinheit nicht mehr. Für viele Indikationen sind kürzere Behandlungszeiträume gleich wirksam. Maßgeblich ist die ärztlich festgelegte Dauer, nicht die Packungsgröße.
Warum bekomme ich bei einer Erkältung kein Antibiotikum? Weil Atemwegsinfekte überwiegend viral bedingt sind und Antibiotika dagegen nicht wirken. Sie hätten keinen Nutzen, könnten aber Nebenwirkungen verursachen und die Resistenzentwicklung fördern.