Präanalytik
Definition
Die Präanalytik umfasst alle Schritte vor der eigentlichen Messung einer Probe: Vorbereitung der untersuchten Person, Entnahme, Kennzeichnung, Transport, Lagerung und Aufbereitung. Sie gilt als die bedeutendste Fehlerquelle im gesamten Laborprozess.
Die eigentliche Messung im Analysegerät ist heute hoch standardisiert und wird engmaschig kontrolliert. Der überwiegende Teil fehlerhafter Laborergebnisse entsteht deshalb nicht dort, sondern vorher.
Das Tückische daran: Ein präanalytischer Fehler erzeugt in der Regel kein offensichtlich unsinniges Ergebnis, sondern einen plausibel aussehenden falschen Wert. Er fällt deshalb häufig nicht auf und führt zu unnötiger Diagnostik oder falschen Therapieentscheidungen.
Rechtliche Grundlagen
Die Richtlinie der Bundesärztekammer verpflichtet Laboratorien, präanalytische Anforderungen festzulegen und zu dokumentieren. Dazu gehören Vorgaben zu Probenmaterial, Entnahme, Transport und Lagerung.
Die Norm DIN EN ISO 15189 für medizinische Laboratorien behandelt die Präanalytik als eigenen Prozessabschnitt. Sie verlangt schriftliche Anweisungen für die einsendenden Stellen und Kriterien für die Annahme oder Zurückweisung von Proben.
Für In-vitro-Diagnostika gibt der Hersteller in der Gebrauchsanweisung verbindliche Angaben zu geeignetem Probenmaterial, Stabilität und Störgrößen. Abweichungen davon führen zu nicht validen Ergebnissen.
Ein Labor darf und muss ungeeignete Proben zurückweisen. Die Annahme einer erkennbar unbrauchbaren Probe wäre ein Qualitätsmangel, kein Entgegenkommen.
Bedeutung in der Praxis
Häufige präanalytische Fehler und ihre Wirkung:
- zu lange Stauung: Konzentrierung des Blutes, falsch hohe Werte für Eiweiß, Kalzium und Zellzahlen
- Hämolyse: Zerstörung roter Blutkörperchen, dadurch falsch hohe Werte für Kalium, LDH und Eisen
- falsches Röhrchen oder falsche Entnahmereihenfolge: Verschleppung von Zusätzen, etwa EDTA in das Serumröhrchen mit falsch niedrigem Kalzium
- zu geringes Füllvolumen im Citratröhrchen: verfälschte Gerinnungswerte, besonders bei der INR-Bestimmung
- zu lange Transportzeit: Verbrauch von Glukose durch die Zellen, dadurch falsch niedrige Werte
- ungeeignete Temperatur: Kälte- oder Wärmeschäden je nach Parameter
Auch die Vorbereitung der untersuchten Person gehört dazu. Nüchternheit ist bei Glukose, Triglyzeriden und teilweise beim Eisen bedeutsam. Körperliche Anstrengung erhöht Kreatinkinase und LDH. Die Körperlage beeinflusst eiweißgebundene Parameter, weshalb sich Werte im Liegen und im Stehen unterscheiden können.
Die Tageszeit spielt bei Parametern mit ausgeprägtem Rhythmus eine große Rolle, insbesondere bei Cortisol, Eisen und Testosteron. Für diese Werte gibt es feste Entnahmezeitpunkte, ohne die das Ergebnis nicht interpretierbar ist.
Bei Arzneimittelspiegeln entscheidet der Abstand zur letzten Einnahme über die Aussagekraft. Üblich ist die Bestimmung des Talspiegels unmittelbar vor der nächsten Gabe. Eine Entnahme zu einem beliebigen Zeitpunkt ist wertlos.
Die eindeutige Kennzeichnung der Probe ist der Fehler mit den schwerwiegendsten Folgen. Eine Verwechslung führt dazu, dass ein Befund einer falschen Person zugeordnet wird. Die Kennzeichnung sollte deshalb unmittelbar bei der Entnahme und in Anwesenheit der betroffenen Person erfolgen.
Abgrenzung und verwandte Begriffe
Die Analytik ist die eigentliche Messung im Gerät. Sie wird über interne und externe Qualitätssicherung überwacht.
Die Postanalytik umfasst Befundübermittlung, Plausibilitätsprüfung und Interpretation. Auch hier entstehen Fehler, etwa durch nicht zugestellte Befunde oder übersehene kritische Werte.
Die Messunsicherheit betrifft die Streuung des Verfahrens selbst und ist ein analytisches, kein präanalytisches Thema.
Verwandte Begriffe: RiliBÄK, Referenzbereich, Laborbefund.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum muss man für manche Werte nüchtern sein? Weil Nahrungsaufnahme einzelne Parameter direkt verändert. Glukose und Triglyzeride steigen nach dem Essen deutlich an, auch Eisenwerte können beeinflusst sein. Für andere Parameter wie Cholesterin gesamt ist Nüchternheit nach heutigem Verständnis nicht zwingend.
Was bedeutet Hämolyse auf dem Befund? Dass rote Blutkörperchen in der Probe zerstört wurden und ihr Inhalt ins Serum übergetreten ist. Dadurch werden vor allem Kalium, LDH und Eisen falsch hoch gemessen. Betroffene Parameter werden vom Labor gekennzeichnet oder gar nicht erst berichtet.
Warum spielt die Reihenfolge der Röhrchen eine Rolle? Weil Zusätze aus einem Röhrchen in das nächste verschleppt werden können. Gelangt EDTA in ein Serumröhrchen, wird Kalzium falsch niedrig gemessen. Deshalb gibt es eine festgelegte Entnahmereihenfolge.
Warum ist die Uhrzeit bei manchen Werten wichtig? Weil einige Parameter einem ausgeprägten Tagesrhythmus folgen, insbesondere Cortisol, Eisen und Testosteron. Ohne festen Entnahmezeitpunkt lässt sich das Ergebnis nicht sinnvoll einordnen.
Kann das Labor eine Probe ablehnen? Ja, und es muss es sogar, wenn die Probe für die angeforderte Untersuchung ungeeignet ist, etwa bei falschem Material, unzureichendem Volumen oder unklarer Kennzeichnung. Die Annahme einer unbrauchbaren Probe wäre ein Qualitätsmangel.